Uyuni-Trip

  • Seit 2010 droht alkoholisierten Autofahrern in Bolivien bereits beim ersten Verstoss der Entzug des Führerscheins. Das neue Gesetz, welches damals zu einem landesweiten Fahrer-Streik führte, ist auch heute noch nicht sehr beliebt und wird entsprechend oft ignoriert. Online liest man zu hauf Berichte von Touristen, deren Fahrer auf der 3-tägigen Tour von San Pedro de Atacama nach Uyuni betrunken waren. Ein deutscher Tourist erzählt uns, er und seine Mitpassagiere hätten ihren am Steuer einnickenden Fahrer gar zum Anhalten zwingen und selbst weiterfahren müssen. Auf ein solches Erlebnis wollen wir gerne verzichten. Aus duzenden von Anbietern entscheiden wir uns deshalb für die Reiseagentur Estrella del Sur, von der es zumindest online keine derartigen Geschichten zu lesen gibt.
  • Um 6.30 Uhr morgens werden wir von einem sehr nüchtern wirkenden Chilenischen Fahrer zum Bolivianischen Grenzposten auf ca. 4600 MüM chauffiert. Ohne Unterstand frieren wir uns auf der windgepeitschten Hochebene Hände und Füsse ab, während die Grenzformalitäten vor sich hinplätschern. Für unsere Geduld werden wir mit einem reichhaltigen Frühstück belohnt und auch unser bolivianischer Fahrer Paulo, der uns von hier nach Uyuni fährt, macht einen sehr professionellen und aufgestellten Eindruck. Bereits die Attraktionen des ersten Tages haben es in sich: blaue, grüne und rote Lagunen mit grasenden Lamas an den Ufern und fischenden Flamingos im Wasser, sprudelnde und rauchende Geysire und natürliche Thermalbäder vor einem Panorama voller Sechstausender und Vulkane. Noch nie habe ich solch fantastische Landschaften gesehen. Es scheint als ob das schöpferische Spaghettimonster hier mit einer ganz anderen Farbpalette gearbeitet hätte, als in unseren heimischen Breitengraden. Meine Kamera läuft heiss (ein herzliches Vergeltsspaghettimonster an dieser Stelle an Kameraausleiherin Fabienne) und ich bin verleitet diese Alienwelt in ihrer ganzen Vielfarbigkeit festhalten zu wollen, anstatt den Moment zu geniessen. Zum Glück zwingt das mittägliche Bad in der Vulkantherme den Knippsjunkie in mir zu einem Spa-Rehab. Aber die Rückfallgefahr am zweiten Tag kann nicht gebannt werden: unwirkliche Felsformationen, verwunschene Lama-Lagunen und schwindelerregend tiefe Schluchten versetzen erneut in Fotoextase. Nur die vorübergehenden Symptome der Höhenkrankheit wie Migräneattacken und Übelkeit versetzen jeden unserer sechs-köpfigen Reisegruppe für ein, zwei Stunden in Katerstimmung. Bis zum Höhepunkt der Uyuni-Tour am dritten Tag haben aber alle eine solide Höhentoleranz entwickelt. Der reinste Stoff für selfiesüchtige Fototouristen, die schneeweise, unendliche Salzwüste mit ihrem faszinierenden Perspektivenspiel lässt uns alle nochmals in anderen Sphären schweben. Unser Fahrer Paulo ist bestens vorbereitet und hat noch ein paar Utensilien für goldene Schüsse im Ärmel. Wie auf LSD balancieren wir auf Petflaschen, rennen vor Spielzeug-Dinosauriern davon und zaubern einander unter Hüten hervor – eine Mordsgaudi. Die Kakteeninsel Incahuasi und der Friedhof der Dampflokomotiven sind dann noch die letzten süchtigmachenden Sujets bevor wir in Uyuni ankommen, wo wir endlich unseren Fotorausch ausschlafen können. Ein Wahnsinnstrip!
  • Die dreitägige Höhentour hatten wir also ohne Zwischenfälle überstanden. Trotzdem sollten wir vor einem Horrortrip nicht ganz verschont bleiben. Neben Mike und mir bleiben auch die zwei Holländerinnen Sacha und Angela nach der Tour noch eine Nacht im unspektakulären Uyuni. Wir verabreden uns daher zum gemeinsamen Abendessen in einem schicken Restaurant, welches die beiden vorgeschlagen haben. Es sei «ganz in der Nähe», schreiben sie zwei Stunden vorher noch per Whatsapp und schicken uns den Standort per Google Maps. Als wir dann zum Restaurant laufen, stellen wir fest, dass «ganz in der Nähe» in Holland wohl etwas anderes heisst als in der Schweiz. Nach einer 20-minütigen Durchquerung des kleinen Städtchens stehen wir dann aber trotzdem pünktlich um 18:30 Uhr auf der Matte besagten Restaurants. Um 18:50 Uhr schreiben wir den beiden dann mal, dass wir da wären. Wahrscheinlich haben sie die Distanz auch unterschätzt. Als sie auch um 19:00 Uhr noch nicht da sind, rufen wir sie an. Der Anruf wird nicht ausgeführt und das Whatsapp ist auch nicht angekommen. Vielleicht sind sie eingeschlafen, denken wir uns. Um 19:15 Uhr rufe ich in ihrem Hostel an und erkundige mich, ob sie noch auf dem Zimmer seien. Nein, sie hätten das Haus bereits vor über einer Stunde verlassen, so die Rezeptionistin. Vielleicht haben sie sich unterwegs verlaufen, sinnieren wir. Aber weshalb nehmen sie das Telefon dann nicht ab? Vielleicht haben sie ein Taxi genommen. Taxis sollen in Bolivien ja nicht besonders sicher sein, hatte uns unsere Reisekollegin Emma in Valparaíso erzählt. Sie habe gelesen, dass Taxifahrer schon öfters unvorsichtige Touristen in die Pampa gefahren, Geld von ihnen erpresst, sie belästigt und in einigen Fällen gar ermordet hätten. Ach papperlapapp, wir überreagieren bestimmt. Wir sollten besser mal Essen bestellen, sagen wir uns. Als dann aber unsere leckeren Menüs serviert werden, fragen wir uns trotzdem ob die beiden Holländerinnen nicht gerade in diesem Moment in die Pampa entführt werden. Die beiden sind noch kleiner als ich. Und warum muss Sacha auch noch so furchtbar blond sein? Wir schlingen das Essen runter und bestellen ein Taxi zum Hostel der Holländerinnen. Vielleicht sind sie mittlerweile ja zurück. Aber nein, zwei Stunden nachdem wir uns fürs Abendessen verabredet hatten, fehlt immer noch jede Spur von ihnen. Wie lange sollte man dann warten, bevor man die Polizei alarmiert, fragen wir die Rezeptionistin. Sie schaut uns verduzt an. Also wenn jemand nicht seit mindestens 72 Stunden vermisst werde, müsse man da gar nichts wollen, meint sie. 72 Stunden! Was in 72 Stunden alles passieren kann, wollen wir uns gar nicht ausmalen. Aber sollen wir denn jetzt die ganze Nacht hier warten? Ihre Zimmerschlüssel verlangen und nach der Telefonnummer der Eltern suchen? Leute auf der Strasse nach ihnen fragen … Gerade als wir uns händeringend dazu entschieden haben, zurück in unser Hostel zu gehen und unsere Hostel-Mama um Rat zu fragen, geht die Türe hinter uns auf und die kleinen Holländerinnen stehen vor uns. Überglücklich fallen wir den zwei Unversehrten um den Hals. Verwirrt starren sie uns an, realisieren langsam, dass wir uns um sie gesorgt haben und fangen an sich zu entschuldigen und zu erklären. Anscheinend hatten sie das Restaurant über eine Stunde lang gesucht und in der Zeit ist der Akku des einen Handys abgelegen, das sie mitgenommen hatten. Sie entschieden sich dann in der nächsten Pizzeria etwas zu essen. Sie würden sich nach dem Essen dann bei uns melden. Vielleicht gäbe es das Restaurant ja gar nicht mehr und wir seien auch woanders hingegangen, hätten sie sich gedacht. Tja, da haben wir wohl aneinander vorbeigedacht. Bei einer gemeinsamen Flasche Rotwein beruhigen wir unsere Nerven. Es tue ihnen leid, dass sie so schlecht Kartenlesen und das Restaurant nicht hätten finden können, meinen die beiden noch. Ja im Finden sind die Holländerinnen wohl nur halb so gut wie im Unauffindigsein, scherzen wir.

Antofagasta & San Pedro de Atacama

  • In Antofagasta übernachten wir nur, weil wir in La Serena keinen direkten Bus nach San Pedro de Atacama finden konnten. Die Hafenstadt, die ihre Existenz den nahegelegenen Minen verdankt, überrascht uns dann doch noch mit ein, zwei spannenden Ecken. Am Fischmarkt treffen wir nicht nur auf jede Menge Fischer, die ihre fangfrische Ware anpreisen, sondern auch auf drei Seelöwen, die zwischen den farbigen Fischerbooten umherschwimmen und ungeduldig auf die Überreste warten, welche die Verkäufer über ihre Rücken ins Hafenbecken werfen. Im riesigen Einkaufszentrum um die Ecke lässt sich Mike noch ein paar Häärli stibizen und ich poste mir eine dieser furchtbaren Sportler-Leggins, auf die alle weiblichen Backpacker schwören und die auch unter den Latinas immer öfter die Röhrli-Jeans im Alltagsgebrauch verdrängen. Vor meinem inneren Auge sehe ich schon, wie ich bei der nächsten Nachtbusfahrt elegant wie ein Seeloi von meinem Sitz gleite, weil die sexy Leggins so rutschig ist … Aber seis drum, dafür könnte man mich jetzt aus der Ferne für sportlich halten.
  •  Die nächste Busfahrt ist zum Glück nicht allzu lang. Innert 5 Stunden sind wir in San Pedro de Atacama. Die ehemalige Wüstenoase der Likan Antai auf 2400 MüM ist heute Touristenmekka für alle, die Sterngucken, Sonnenuntergang geniessen, Vulkane erklimmen, Geysire bewundern oder natürliche Thermalbäder beschwimmen wollen. An der Hauptstrasse reihen sich Reiseagentur, an Souvenirladen, an Restaurant, an Reiseagentur –  alles in den typisch braunen, einstöckigen Lehmziegelhäuschen. Tourismus ist hier klar die Einnahmequelle Nummer eins. Mike und ich planen die meisten der Attraktionen auf unserer Weiterreise nach Bolivien im Rahmen einer dreitägigen geführten Tour zu besichtigen.  Von San Pedro aus machen wir deshalb nur eine Sternguck- und Sonnenuntergangstour. Für ersteres sitzen wir in einer bitterkalten Wüstennacht etwa zu zwölft im Halbkreis um ein Teleskop etwa eine halbe Stunde ausserhalb von San Pedro. Die Atacama-Wüste ist aufgrund ihres trockenen Klimas ideal für Weltraumbeobachtungen und beherbergt daher eine grosse Anzahl von internationalen Observatorien – darunter auch ALMA – das mächtigste Radioteleskop der Welt. Auch das Beobachten der Himmelskörper mit unserem kleineren Kaliber ist schon super eindrücklich. Unser Sternenexperte Ulysses erklärt uns die Entstehung der Mondkrater und Weltallwunder wie Sternencluster und galaktische Nebel. Man fragt sich, wie zum Henker wir kleinen Menschleins bloss herausgefunden haben, wie das Glitzerzeugs da oben funktioniert … Auch der Sonnenuntergang über dem dramatischverformten Valle de la Luna ist kitschigschön, obwohl unser verrückter Guide immer wieder damit droht, uns in der Wüste verdursten zu lassen. Tatsächlich geht in der staubtrockenen Atacama-Wüste niemand ohne Wasserflasche nach draussen und bei den hunderten von Touris, die jeden Tag in San Pedro ankommen, ist Nasenbluten an der Tagesordnung. Auf den vielen Expeditionen, die einen locker bis auf 5000 MüM führen, kommen bei den meisten dann noch Symptome der Höhenkrankheit hinzu. Mit Blick auf unsere dreitägige Höhentour hoffen wir inständig, dass uns unsere alpine Abstammung dagegen ein wenig immunisiert.

La Serena & Isla Damas

  • La Serena ist ein Ferienort für viele Chilenen und Argentinier. Hauptattraktion ist dann natürlich der breite Strand, von dem aus man einigen Unerschrockenen beim Surfen oder auch nur Baden im ca. 15 Grad kalten Wasser zuschauen kann. Etwas weiter landeinwärts an der breiten Strandpromenade mit Trottoir, Veloweg und Outdoor-Fitnessanlagen kann man zudem jeden Abend die sportlichen Bewohner von La Serena beim Schwitzen bewundern. Fast noch eindrücklicher sind die dramatischen Sonnenuntergänge über dem Meer. Einige Touris bestaunen diese gerne vom Rücken eines der Pferde, die man hier für einen Miniausritt mieten kann. Diese Narren! Viel besser als in einen Sonnenuntergang reiten, ist in einen Sonnenuntergang giiireitschen – siehe Bildbeweis.
  • Am zweiten Tag in La Serena unternehmen wir eine Tagesexkursion in die Reserva Nacional Pinguino de Humboldt, in der Hoffnung ein paar Pinguine und schöne Strände zu sehen. Wir sollten noch ein paar Tiere obendrauf erhalten. Schon auf dem Hinweg durch die steppenartige Berglandschaft entlang Chiles Küste sehen wir mehrere Wüstenfüchse, wilde Esel (welche nach dem Niedergang der vielen Minen in der Gegend freigelassen wurden) und Vicuñas (eine dünnere Version der Lamas). Als wir dann im kleinen Fischerdorf Los Chorros vom Reisevan auf ein Boot umsteigen, wird es erst richtig tierisch. Nach etwa 30 Minuten Fahrt auf offener See fängt der Kollege des Kapitäns auf einmal an wild zu gestikulieren. Wir fahren langsamer. Und dann auf einmal taucht etwa 10 Meter neben unserem Boot ein nassglänzender grauer Körper und eine kleine Flosse auf. Ein Delfin? Nein, ein Finnwal, erklärt uns Meeresbiologin Paula, die unsere Tour leitet. Ein aufgeregtes Rufen geht durch die Touristen an Board. Mit Whale-watching hatten wir gar nicht gerechnet. Wir werden um Ruhe gebeten und das Boot folgt der Richtung des Wals. Schliesslich beobachten wir etwa 10 Minuten lang zwei Walrücken nebeneinander aus und wieder ins Wasser gleiten. Was wir sehen, lässt die wahre Grösse eines Finnwals kaum erahne. Die Tiere werden bis zu 27 Meter lang und sind damit die zweitgrösste Walart. Die Pinguine, die wir vom Boot aus auf der Reservat-Insel Choros herumkraxeln sehen, lösen nach der Waleuphorie nur noch halb so viel Verzückung aus. Leider kann man die kleinen Frackträger zwischen den grauen Felsen kaum erkennen. Auch die Kormorane und die Tölpel in ihren selbstgekackten Nestern lösen bei uns walverwöhnten Touris keine Begeisterungsstürme mehr aus. Die lustigen Robben, die einander beinahe von den Felsen schubsen, rangieren da schon etwas höher in der Gunst der Homo Turistiens und als dann als Zugabe noch ein putziger Otter auftaucht, brechen alle in Jööö-Rufe aus. Aus Jöö wird Wauuu, als wir an der zweite Reservatinsel Isla Damas anlegen. Mit ihrem kristallklaren, himmelblauen Wasser und dem schneeweissen Sandstrand mutet die Insel wie ein Karibikparadies an. Leider ist das Wasser aber nur etwa 15 Grad warm und Schwimmen hier sowieso verboten. Aber allein die Aussicht auf die wunderschöne Landschaft ist grandios und wird uns noch lange in Erinnerungen schwelgen lassen.

Kulturelle Einsichten aus Chile:

  • Du willst ein Getränk mit wenig Zucker trinken? Bestell ein CocaCola. Argentinier sind schon grosse Zuckerfans, aber Chilenen sind also die Kirsche auf der Zuckertorte. Nicht wenige der Drinks, die ich hier bestellt habe, schmeckten erst mit einem halben Liter Wasser nach etwas anderem als Flüssigzucker.
  • Chilenen sprechen für Lateinamerikanische Verhältnisse schnell und verwenden furchtbar viele Wörter, die man nur hier kennt. So hört etwa jeder zweite Satz mit «Cachay?» auf – in etwa das Pendant zum Schweizerdeutschen «odr?» auf das man aber keine Antwort erwartet.
  • Die Strände hier sind wunderschön, die Wassertemperatur aber leider überall unter der Badetoleranzgrenze für Mittelmeer-verwöhnte Schweizer Touris (auch in der Hochsaison nirgends höher als 18 Grad).
  • Die Früchte und Gemüser, die man hier auf den Märkten oder auch im Supermarkt kaufen kann sind riiiiesig, Zwiebeln grösser als eine Faust, Gurken und Zuchetti beinbreit (wenn auch nicht ganz beinlang), Ananässer grösser als mein Kopf und Wassermelönre so gross wie mein Bauch, wenn ich eine ganze Wassermelone gegessen habe.
  • Überall wo Touristen in grossen Zahlen flanieren und lustwandeln sind Strassen, Strände und Wege grossteils sauber (Hundekack mal ausgenommen). Schaut man jedoch hinter die nächste Düne, den nächsten Hügel oder den nächsten Strassenzug ists mit der Sauberkeit meist nicht mehr soweit her. Um unser etwas abgeschieden gelegenes Hostel in La Serena türmen sich Müllbergleins im Gebüsch, neben den Geleisen und entlang der sandigen Strassen. Recycling ist noch nicht weitverbreitet. Immerhin scheint das Bewusstsein für das Problem unter den Chilenen jedoch zu wachsen. Gemäss diesem Artikel ist der Müll in der Öffentlichkeit mittlerweile die zweitgrösste Umweltsorge der Chilenen, gleich hinter dem Smog, der Santiago de Chile immer wieder einhüllt. Bleibt zu hoffen, dass die Touristen das ihrige dazu beitragen die besuchten Orte sauber zu hinterlassen, sodass noch viele Menschen die schönen Landschaften Chiles geniessen können.