La Barra oder der Ritt auf dem Kühlschrankmonster

  • Und dann ist da noch die unvergessliche Expedition mit Aura, Romain, Juanita, Philipp und Baby Maui ans Ende der Welt. Auch diese beiden kolumbo-europäischen Päärchen haben sich anno domini in Urs‘ Iguana kennengelernt und uns nach dem bierseligen Abend bei Don Hebert eingeladen, sie auf ihrem Ausflug an die Pazifikküste zu begleiten. Und so sitzen wir Anfang 2019 gemeinsam in einem Minivan dessen Chauffeur uns dank kriminellster Überholmanövern in Rekordzeit von Cali nach Buenaventura Vom grössten Pazifikhafen Kolumbiens geht’s per Motorboot weiter nach Jaunchaco. Nach einer Stunde Schüttelvergnügen gilt es hier ein Transportmittel zur Weiterreise nach La Barra zu finden. Boot, Mototaxi, Tuktuk oder Traktorwagen? Wir haben die Qual der Wahl. Schlussendlich entscheiden wir uns für die vielversprechende Kombo aus 15 Minuten Tuktuk und 15 Minuten Traktorwagen. Abgesehen von der Abgasvergiftung ist der erste Teil ganz harmlos. Am Umsteigeplatz überrascht uns dann die Traktorwagenwahl unseres Chauffeurs. Nicht etwa einer der Wagen mit schmucken Holzbänken und Dach, nein, der einzige Wagen mit unbefestigten Bänken aus alten Kühlschränken und mit Schnüren befestigten Seitenwänden solls sein. Ob das denn für das Baby sicher sei, fragt Juanita den Chauffeur. «cien por ciento seguro» (100%ig sicher), antwortet dieser ohne mit der Wimper zu zucken. Nicht dass wir ihm glauben würden, aber anscheinend haben wir den Typen mit dem lausigsten Wagen angeheuert und so steigen wir auf und verstauen unser Gepäck im Innern der Kühlschränke. Was auf den ersten hundert Metern durchs Dorf noch nach einer skurrilen Touristenattraktion anmutet, verwandelt sich auf dem holprigen und von Traktorrädern ausgefressenen Dschungelschlammpfad zu einer ungewollt gfürchigen Achterbahnfahrt. Unsere beweglichen Sitzgelegenheiten drohen abwechslungsweise damit uns zu zerdrücken oder über Bord zu fallen. Als die Endstation Strand dann schon in Sichtweite ist, gilt es noch ein letztes Hindernis zu überqueren: den Fluss. Die Sonnenbader auf der sicheren Seite wollen sich das Spektakel unserer Ankunft oder – was mir zu dem Zeitpunkt durchaus wahrscheinlicher erscheint – unseres Ertrinkens nicht entgehen lassen. Und tatsächlich bleiben wir erst auf halbem Weg stecken, bevor – oh Wunder – unser Kühlschrankmonster im dritten Anlauf die Überquerung schafft. «Cien por ciento seguro», zwinkert uns der Chauffeur zu als er uns beim Aussteigen hilft. Trotz allem müssen wir lachen. Was für ein Ritt!
  • La Barra ist ein sehr einfaches Fischerdorf am Rand des Dschungels. Davor breitet sich ein eindrücklicher Strand aus, dessen Ausdehnung sich bei Ebbe jeweils noch vervielfacht. Die wenigen Häuser sind alle aus Holz und ihre Bewohner leben vom Meer und vom Tourismus. Unser Hostel ist eine ziemlich wackelige zweistöckige Holzkonstruktion, die es einem erlaubt, jeden Toilettengang und jegliche sexuellen Aktivitäten der Mitbewohner am eigenen Körper mitzuerleben (ein herzliches Dankeschön an dieser Stelle dem blöffigen Ami und der sportlichen Deutschen, die hier anscheinend ihr sexuelles Erwachen erleben durften). Ein Ventilator gehört leider nicht zum Inventar, weshalb wir das Hostel nach zwei durchschwitzten Nächten wechseln. Der versprochene Luftbeweger fehlt dann jedoch auch in unserem nächsten Zimmer, aber der nette Inhaber lehnt kurzerhand einen vom nächsten Restaurant aus und bohrt ihn an unsere Zimmerdecke. Tagsüber spendet das Schwimmen im lauwarmen Meer Abkühlung von den tropischen Temperaturen. Beim Baden und Sändelen mit Maui haben wir das erste Mal auf unserer Reise das Gefühl in den Sommerferien zu sein. Die digitale Detox-Kur, die mit unserer abgelegenen Destination einhergeht, hilft beim Entspannen. Die Plastiksäcke und -flaschen am Rand des Strandes und der viele Müll entlang der Trampelpfade im Dorf trüben diese Ferienstimmung etwas. So wie es aussieht gibt es hier (noch) keinen regelmässigen Service für den Abtransport des Abfalls, der vom Meer angeschwemmt, von Einheimischen im Dschungel entsorgt oder von Touristen am Strand liegengelassen wird. So sind die halbjährlichen Strandräumungen von NGOs wie Ecopazifico (bei der letzten Sammlung im Mai 2018 in La Barra und Umgebung wurden sage und schreibe 11 Tonnen Müll gesammelt) bisher die einzige Hoffnung, dass diese Strände Traumstrände bleiben. Nebst dem Abfallproblem stimmt uns auch der Umgang mit einer körperlich beeinträchtigten Frau im Dorf nachdenklich. An unserem zweitletzten Tag sehen wir die Frau, deren Arm und Bein der rechten Körperhälfte nicht vollständig entwickelt sind, sich am Strand ausziehen. Mühsam entledigt sie sich ihrer Kleider und wischt sich im Meer. Wir sind etwas irritiert, haben doch die meisten Häuser trotz ihrer Einfachheit eine Regenwasserdusche. Tags darauf erleben wir mit, wie dieselbe Frau auf der Strasse vor unserem zweiten Hostel einen epileptischen Anfall erleidet, als wir dort gerade einchecken. Einheimische schauen zu, wie sie im Dreck der Strasse zuckt, helfen ihr aber nicht. Alarmiert fragen wir die Hostelinhaberin, ob die Frau keine Familie habe, die man informieren müsse und ob man sie nicht vielleicht in ein Hostelbett legen könne. Ungerührt erklärt sie uns das sei die Schwester ihres Mannes und die habe «immer wieder solche Anfälle». «Lasst sie einfach liegen, die steht dann schon wieder auf», so ihre Reaktion.  Auch wenn man bei einem epileptischen Anfall nicht wirklich viel machen kann – was ich auch erst seit diesem Erlebniss weiss (siehe Erste Hilfe bei epileptischen Anfällen) – ist die Apathie der Zuschauer für uns doch nur schwer nachvollziehbar. Ein australischer Tourist trägt die regungslose Frau schliesslich von der Strasse und kümmert sich um sie, bis sie wieder zu sich kommt. Und so sind unsere Emotionen in Bezug auf diesen schönen Ort etwas zwiegespalten, als wir am nächsten Tag ins Motorboot einsteigen, dass uns in die digital-vergiftete Zivilisation zurückbringt (Nein, ein zweiter Ritt mit dem Kühlschrankmonster wollten wir uns dann doch nicht antun).

Cali und eine Ode an den Urs

  • Zum ersten Mal feiern wir Weihnachten weg von zu Hause, in der tropischen Wärme von Cali im Süden von Kolumbien: Mit Plastikbaum und Salsa anstatt mit Nordmannstanne und Weihnachtsliedern. Mit Rum anstatt Glühwein und Thaicurry anstatt Fondue Chinois. Aber trotzdem nicht ganz ohne Familie und auch nicht ohne Weihnachtsguetzli. Für etwas mehr als zwei Wochen kommen wir bei Mike’s Cousin Urs unter und verwandeln sein sympatisches Häuschen im Viertel Aguacatal kurzerhand in eine Mailänderlibackstube. Gemeinsam mit unserer Lieblingsschwedin Emma – die wir hier noch ein letztes Mal treffen, bevor sie den Heimweg antritt – backen wir, bis uns der Teig zu den Ohren raushängt. Auch unseren Schweizer Reisekumpan Tobias dürfen wir zu Urs nach Hause einladen und bereiten zusammen mit ihm das etwas untypische Weihnachtsmenü vor. Und so kommt es, dass wir alle gemeinsam mit Urs, seinem Sohn Mateo, seiner Mutter Anna und ihrer Familie sowie Nachbarn und Freunden ein kolumbohelvetisches Weihnachten feiern, wo man sich zwischen Salsaeinlagen mit Mailänderli stärkt und Thaicurry mit Rum runterspült.
  • Urs ist nicht nur unser grosszügiger Asylgewährer und abenteuerlicher Jeepchauffeur, sondern auch unser LandundLeute-Jackpot. Er wohnt bereits seit über 20 Jahren in der Geburtsstadt des Salsa und führte bis vor drei Jahren das erste Hostel in Calí – die Iguana. Heute arbeitet er als Tourguide und führt Touristen aus aller Welt zu den geheimnisvollen Steinstatuen nach San Augustín, den beeindruckenden Wachspalmen in Salento und den umliegenden Rumdestillerien, Kaffee- und Kakaoplantagen. Egal wo in Calí wir mit ihm hingehen, immer treffen wir Freunde und Bekannte. Dank ihm lernen wir jede Menge passionierte Caleños, Europäische Winterflüchtlinge und kolumbianische Lebenskünstler kennen und erleben einzigartige Abenteuer. Gemeinsam mit Pilar und Felipe, die sich in der Iguana kennengelernt haben, stehen wir drei Stunden Schlange für ein Konzert an der berühmten Feria de Cali (heuer im Zeichen der Gewalt gegen Frauen, hier das offizielle Video zur diesjährigen Feria-Hymne), das wir schlussendlich doch nicht besuchen. Mit der ehemaligen Iguana-Crew lernen wir Salsa im ohrenbetäubenden und hüfteschwingenden Club von Don Hebert. Mit Nachbarin Milly staunen wir ob der exotischen Klänge und der ausgeflippten Weihnachtsbeleuchtung am Pazifikfest der Feria. Mit Claudia und Ralf besuchen wir die Kombucha-Künstler Flora und Andreas und geniessen ein einmaliges Fondue im Nebelwald über Calí. Mit den Nachbarn Milly, ihrer Tochter Laura, Igor und seiner Familie schauen wir zu, wie das año viejo (das alte Jahr) explodiert und feiern und philosophieren bis morgens um fünf ins neue Jahr hinein. Mit Mateo schauen wir Aquaman im Kino und veranstalten ein Pfützenwetthüpfen bei einer Kolibri-Farm im Dschungel. Und Urs ist immer mittendrin und voll dabei, für jeden Spass zu haben und der beste Gastgeber, den man sich wünschen könnte. Mil gracias Urs!

Nazca, Huacachina, Paracas, Lima – von mysteriösen Linien, Oasen, Stränden und Tunnels

  • Unterwegs von Arequipa nach Huacachina machen wir am Aussichtsturm der geheimnisumwobenen Nazca-Linien Halt.  Vom rostigen Wackelturm aus sieht man etwa vier der rund 1500 imensen Sandzeichnungen, die im 1. Jahrhundert vor Chirstus in den Wüstenboden geritzt wurden. Wer und wofür genau diese Meisterwerke hinterlassen wurden, weiss ich dank meinem Besuch in Erich von Dänikens famosem Mysterypark vor bald 20 Jahren (leidergottes äh -aliens gibt’s den heute ja nicht mehr). Während sich EvD sicher ist, dass die bis zu 20 Kilometer langen Linien extraterrestrischen Ursprungs sind, streiten sich Historiker und Archäeologen heute noch um die deren wahre Bedeutung. Um die Ausmasse dieses Weltkulturerbes wirklich zu erfassen muss man ins Flugzeug steigen. Dafür fehlt uns aber leider Zeit und Budget und dank EvD kenn und weiss ich ja eh alles schon.
  • Weiter geht’s also in die Wüstenoase Huacachina. Der Touristenhotspot lockt vor allem mit den riesigen umliegenden Dünen, auf denen täglich tausend und eine Sandbuggy-Tour angeboten werden. So rast jeden Abend kurz vor Sonnenuntergang eine Armada Sandbuggys in halsbrecherischem Tempo durch die steile Wüstenlandschaft. Diese Mad-Max-Experience lassen wir uns natürlich nicht entgehen. Zwischen den Dünen-stunts unseres Chauffeurs dürfen wir einige Male aussteigen und ein paar besonders steile Dünen kopfvoran auf einem Holzboard runterrutschen. Supersandige Sache sag ich euch. Ich werde wohl noch nach meiner Heimkehr in die Schweiz Sand in Körperöffnungen und Kleidern von mir finden.
  • Nächster und zweitletzter Halt unserer Peru-Hop-Tour ist Paracas. Hier hat der Magen eines Mitreisenden (Name der Redaktion bekannt) ein paar Aussetzer, weshalb wir auf die geplante Pisco-Tour verzichten und uns mit einer kleinen Fahrt durch das nahe Nationalreservat begnügen. Der rote Strand aus errodiertem Magmagestein und der windige Ausblick auf die gägeligelben Uferklippen ist allemal ein Ausflug wert.
  • Unterwegs von Huacachina nach Lima besuchen wir die Sklaventunnels der Hacienda de San Jose. Durch das 35 Kilometer lange unterirdische Tunnelnetz unter den ehemaligen Zuckerrohr- und Baumwollplantagen des Anwesens wurden zu Kolonialzeiten Sklaven zu fünf weiteren Haciendas und dem nahegelegenen Hafen Chicha geschmuggelt. Nicht dass die Sklavenhaltung damals verboten gewesen wäre, aber man wollte natürlich nicht unnötig Steuern zahlen. Daneben dienten die Tunnels auch dazu, unbemerkt vor Piraten zu flüchten, die damals regelmässig die strandnahen Haciendas angriffen. Heute ist das riesige Anwesen ein Fünfsternhotel und vor dem grausigen, historischen Hintergrund werden luxuriöse Kindergeburtstage und Hochzeiten gefeiert.
  • Lima: Endstation. Nur gerade einen einzigen Tag können wir der peruanischen Hauptstadt widmen, da die Flugtickets nach Calí näher an Weihnachten je länger je unerschwinglicher werden. Eigentlich hätten wir diesen Tag plus dazugehörige Nacht bei einem Couchsurfer verbringen wollen, doch es sollte anders kommen. Als wir um elf Uhr abends mit Peru-Hop in Lima ankommen und in einem nahegelegenen Hostel ein Taxi zum Haus unserer Couch bestellen wollen, schauen uns die Rezeptionistinen entgeistert an. Also um diese Zeit gehe daaa ja sicher niemand hin, meinen sie. Und tatsächlich weigern sich auch die Taxifahrer, uns ohne genaue Adresse dahinzufahren. Als der Cousurfer anbietet, uns entgegenzulaufen, sind wir schon so verunsichert, dass wir ihm schliesslich absagen und stattdessen gleich in dem Hostel bleiben. Für letzten Teil unseres Peruabenteuers haben wir etwas gar wenig Zeit eingeplant und wir sind die langen Busfahrten langsam leid. Umso mehr freuen wir uns deshalb auf ein paar ruhige und besinnliche Weihnachtstage bei Urs, Mike’s Cousin, der seit 20 Jahren in Kolumbien lebt.