Arequipa & Colca Canyon – von der weissen Stadt ins Epizentrum der unbefleckten Empfängnis

  • Die weisse Stadt, la Ciudad Blanca, wie Arequipa auch genannt wird, gilt als die schönste Stadt Perus. Die historische Innenstadt mit den vielen Häusern aus dem weissen Vulkangestein Sillar ist in der Tat sehr einladend und es gibt sogar eine Fussgängerzone. Auch ein lebendiges Nachtleben soll die Stadt haben. Davon merken wir jedoch nicht viel. Nicht einmal ein Bier oder ein Glas Wein kriegen wir, als wir am ersten Abend in einem Restaurant sitzen. Schon während wir die Getränkekarte studieren, kommt die Kellnerin an unseren Tisch und macht eine entschuldigende Geste: «Morgen sind Wahlen, es gibt heute also keinen Alkohol». Der Genuss von alkoholischen Getränken ist in einigen südamerikanischen Ländern an Tagen vor wichtigen Wahlen nicht gestattet, lernen wir. Die sogenannte «Ley seca» (trockenes Gesetzt) soll Unruhen verhindern und sicherstellen, dass die Bürger bei Sinnen wählen gehen. Und so begnügen wir uns eben mit einer Chicha Morada, dem typisch peruanischen Getränk aus Purpur-Mais, das hier alle trinken. Auf der FreeWalkingTour am nächsten Tag probieren eine weitere Peru-Spezialität: Queso helado – also Käse-Glace. Entgegen der Benamsung enthält das Eis aber kein bisschen Käse sondern besteht primär aus frischer Milch, Kondensmilch, Zimt und Kokosraspeln. Der Name soll von der Machart herrühren, welche dem Eis ein käseartiges Aussehen verleiht. Naaaja darauf fällt man vielleicht rein, wenn man nur den farb- und geschmacklosen Käse dieser Breitengrade kennt, als Schweizer-Käserliebhaber hätten wir die cremeartige Masse, welche die Strassenverkäufer feilbieten, aber nie im Leben mit Käse verwechselt.
  • Einen Tag später besuchen wir das berühmte Kloster Santa Catalina – eine autarke Stadt in der Stadt, erbaut Ende des 16. Jahrhunderts auf einer Fläche von rund drei Fussballfeldern. Hier lebten zu Höchstzeiten bis zu 150 Nonnen mit ihren 300 Bediensteten und Sklavinnen in strenger Klausur. Das heisst die jungen Frauen, welche von ihren reichen spanischen Eltern gegen eine grosszügige Mitgift der Obhut des Kloster übergeben wurden, verliessen die Mauern des Konvents nach ihrem Gelübde meist nie mehr. Erst seit 1970 ist das religiöse Bauwerk der Öffentlichkeit zugänglich. Noch heute leben rund zwanzig Nonnen des Ordens der heiligen Katharina von Siena hier, der Grossteil der Gebäude ist jedoch zu einem eindrücklichen Museum umfunktioniert worden. Der Gang durch die wunderschönen, blau und orange-getünchten Gassen und niedrigen Gebäude im Kolonialstil katapultiert einen in die Vergangenheit und lässt den disziplinierten Alltag der gottesfürchtigen Frauen erahnen.
  • Als nächstes ruft uns der Colca Canyon, die zweittiefste Schlucht der Welt. Wieder einmal heisst es früh aufstehen und lange Busfahren. Immerhin gibt es unterwegs aber ein tolles Vulkan-Panorama und «Wullepügel»  (credits für die famose Wortschöpfung gehen an Thomas Rutz) in Aktion zu bestaunen: Unzählige Vicuñas, die an einer Lagune grasen, ein Schaf, das unseren Znüni-Kiosk stürmen will und ein Berg Lama-Gägel von einer Herde fotogener Lama-Models. Gegen Mittag kommen wir in Chivay an. Schon bei unserer Einfahrt hören wir Blasmusik und sehen Frauen und Männer in bunten Gewändern durch die Strassen huschen. In der kleinen Stadt werde gerade das Fest der «Inmaculada Concepción» gefeiert, erklärt uns unsere Tourführerin. Die Feierlichkeiten zur unbefleckten Empfängnis sind hier anscheinend die grösste Party des Jahres und dauern ganze vier Tage vom 8 bis 11 Dezember. Bevors ans Festen geht, müssen wir uns aber erst noch von der anstrengenden Mini-Van-Fahrt erholen. In den nahegelegenen Thermalbädern von La Calera, dürfen wir diesmal anstatt wandermüde Füsse, unsere sitzfaulen Hintern entspannen.

Zurück in Chivay machen wir uns mit zwei britischen Tour-Kollegen auf die Suche nach einem Abendessen und wagen uns dabei ins Epizentrum der unbefleckten Empfängnis: dem Dorfplatz. Hier steppt nicht nur der Bär, sondern alles was zwei Beine hat: vom hochbetagten Grosi bis zum kaum gehfähigen Sürmel. Alle tragen grandios glitzernde und farbenprächtige Gewänder, die sie im Takt der Musik schwingen und dabei aussehen wie lebendige Kreisel. Gebannt schauen wir zusammen mit zwei britischen Tour-Kollegen dem freudigen Treiben zu. Etwa zwanzig Minuten stehen wir da und stellen bald fest, dass sowohl Lied wie Tanz immer gleichbleiben und gleichzeitig nie aufhören. Nonstopp drehen die Tänzer und trompeten die Musiker zur circa 30-sekündigen Melodie. Ein Faszinosum! Und scheinbar läuft das schon seit drei Tagen so. Vier Tage lang wird jeden Tag von zwei Uhr nachmittags bis vier Uhr morgens wird gedreht und getrompetet – wau! Während wir auf unser Essen warten, recherchiere ich noch ein wenig zu diesem faszinierenden Brauchtum und finde folgenden Artikel. Offenbar stammt die Tanz-Tradition noch aus einer Zeit bevor die Spanier das hiesige Collagua-Volk zum Christentum bekehrten. Die Legende zur Entstehung des Festes besagt, dass ein Inka-König sich in eine Collagua-Prinzessin verliebte und, um sich ihr zu nähern ohne beim verfeindeten Stamm aufzufliegen, verkleidete er sich als Frau. Die Eroberung der Collagua durch die Inka sei deshalb schliesslich friedlich verlaufen. Der unendliche Kreisel-Tanz genannt «Wititi» ist eine Hommage an diesen Triumph der Liebe über den Krieg und bedeutet passenderweise «Liebe machen».

  • Als wir am anderen morgen früh losfahren, um den Colca Canyon zu erkunden, ist die Musik erst gerade verstummt, wie die Hostel-Rezeptionistin betont. Entlang der Strasse am Rand der Schlucht halten wir immer wieder an und staunen ob der grossartigen Aussicht auf das terrassierte Tal, wo duzende unterschiedlicher Kartoffel-Arten angepflanzt werden. Zuletzt machen wir einen stündigen Spaziergang zum Kreuz des Kondors und sehen unterwegs tatsächlich gleich vier der majestätischen Aasfresser über der Schlucht kreisen. Die ausgewachsenen Vögel haben eine Flügelspannweite von rund 2.5 Metern und werden bis zu 70 Jahre alt. Für fast alle Anden-Völker ist der Kondor ein heiliges Tier. In der Inka-Kultur repräsentiert er das Himmelreich, während der Puma für das Erdreich und die Schlange für die Unterwelt steht. Auf unzähligen Kunst- und Bauwerken sieht man diese drei Dreifaltigkeit der Inka-Mythologie Nachdem wir uns an den Geiern und dem 1200 Meter tiefen Abgrund satt gesehen haben, steigen wir wieder in den Mini-Van und fahren zurück nach Arequipa.
  • Den letzten Abend in Arequipa verbringen wir mit José, unserem ersten Couchsurfing-Kumpan in Südamerika. Vor über zehn Jahren habe ich das letzte Mal in Europa ge-couchsurft. Meine bisherigen Erfahrungen mit der Plattform, die Reisende und Einheimische zusammenbringt, waren überwiegend positiv. Trotzdem hatte irgendwie noch der Impuls gefehlt, es auch in Südamerika mal zu versuchen. Dieser kam dann in Form von Aaron und Lu, die wir auf der FreeWalkingTour in Cusco trafen. Die beiden sind mit Unterbrechungen seit 1.5 Jahren unterwegs und übernachteten dabei fast immer bei Couchsurfern. Ihre spannenden Erfahrungen und ein Abend mit ihrer Gastgeberin in Cusco haben uns überzeugt, Couchsurfing auch in Südamerika mal auszuprobieren. Praktischerweise kann man mit der entsprechenden App heute nicht nur eine kostenlose Übernachtungsmöglichkeit, sondern auch einfach jemanden für ein Abendessen, einen Spaziergang oder ein Feierabendbier finden. Und so treffen wir José erst auf einen Drink in der coolsten Rooftop-Bar Arequipas und gehen danach zu seinem Lieblings-Chinesen. Dabei erzählt er uns viel Interessantes über seine Arbeit als Architekt und sein Austauschjahr in Barcelona. Ein tolles erstes Latino-Couchsurfing-Erlebnis und sicher nicht das Letzte!