Cusco – Stadt der tausend Ruinen und Balköner

  • Das Zentrum der ehemaligen Inka-Dynastie überrascht uns. Wahrscheinlich vor allem deshalb, weil wir es verpasst haben, im Vorherein das obligate Lonely-Planet-Kapitel dazu zu lesen. In diesem Fall ist unsere Unwissenheit ein Segen, denn wo wir ein schmuckloses Touristen-Basislager für alle Machu Picchu-Exkursionen erwartet hatten, begrüsst uns eine wunderschöne Kolonialstadt mit prächtigen Holzbalkonen und einem tollen Gastronomieangebot. Nicht dass wir uns falsch verstehen: die Stadt ist von Touristen überschwemmt und an jeder Ecke wollen dich zehn Leute verköstigen, unterbringen, massieren oder auf «die beste Machu Picchu-Tour» entführen. Mit einem genialen Fruchtsaft vom hiesigen Mercado Central oder einem Pisco-Sour von einer der vielen gemütlichen Bars intus, lässt sich das aber gut aushalten.
  • Anders als die meisten Peru-Touristen haben wir unsere Reise durch das Land der Inka nicht um den Besuch von Machu Picchu herumgeplant. Zu Hause hatte es geheissen, man müsse die Tickets für den Besuch der weltbekannten Ruinenstadt mindestens ein halbes Jahr im Voraus buchen. Das war uns zu mühsam, da wir nicht genau wussten, wann wir denn in Peru sein würden. Wir rechneten daher schon damit, Machu Picchu überhaupt nicht zu Gesicht zu bekommen. Stellt sich heraus, dass das mit den Tickets nur ein Problem ist, wenn man die Inka-Ruinen per viertägiger Wanderung auf dem anspruchsvollen Inka-Trail erreichen möchte. Mit unserer bisherigen Wandererfahrung konnten wir darauf getrost verzichten. Normale Eintrittskarten oder auch Kombipakete mit anderen Aktivitäten erhält man auch kurzfristig noch in fast jedem Reisebüro. Einziges Problem: in Cusco gibt es gefühlt fast so viele Reisebüros wie Einwohner. Aufgrund guter Onlinebewertungen beschliessen wir eine Agentur etwas ausserhalb des Zentrums zu besuchen. Nach einem Halbtagesspaziergang durch das Cusco abseits der Touristenpfade stehen wir vor einer kleinen Holztür in einem staubigen Hinterhof. Tatsächlich scheint das hier das Reisebüro zu sein und wir werden ausführlich beraten. Entgegen unserer Erwartung aufgrund der eher einfachen Bürolokalität, sind die Preise der Touren weit über unserem Budget. Dankend lehnen wir ab. Als wir unsere Suche anderntags fortsetzen treffen wir auf Cesar von der Reiseagentur Deep House, der uns eine ähnliche Exkursion für weniger als den halben Preis anbietet. Trotz der Tatsache, dass er seine Reiseagentur nach dem grausigsten Musikstil benannt hat, macht er einen seriösen Eindruck und so buchen wir bei ihm den viertägigen «Inca Jungle Trek» inklusive Downhill Biking, River Rafting, Zip-Lining, Wandern und Machu Picchu für insgesamt 150 Dollar.
  • Mit Machu Picchu im Sack machen wir uns auf zur Erkundung der Ruinen in und um Cusco. Der Gründungsmythos der Stadt besagt, dass der Sonnengott Inti den beiden ersten Inkas Manco Capa und Mama Occlo einen goldenen Stab mitgegeben habe. Dort, wo sie diesen mühelos in den Boden stecken können, sollen sie ihr neues Reich gründen. So heisst es, ist um etwa 1200 nach Christus in diesem fruchtbaren Tal die Hauptstadt des Inka-Reichs Qosqo entstanden.  Leider ist von Qosqo – wie die Einheimischen Quechua die Stadt heute noch nennen – nicht mehr viel zu sehen. Die allermeisten Bauwerke fielen dem Zerstörungs- und Bekehrungswahn der Spanier zum Opfer, welche 1532 hier ankamenDie Kolonialhäuser, die das heutige Stadtbild prägen, wurden auf ihren Ruinen erbaut. Die paar wenigen architektonischen Zeugnisse der Inka, welche die Zeit überdauerten, sind in Kolonialbauten integriert. So wie etwa die ehemalige Tempelanlage Coricancha, die zu einem Dominikanerkloster umfunktioniert wurde, die Calle de siete culebras oder die Mauer mit dem Stein der zwölf Winkel (wo wir noch zu wunderschönen Tourifötelis genötigt werden). Auf einer gebuchten Ruinentour erklärt uns unser Guide Steve, dass die Inka-Bauwerke auch deshalb zerstört wurden, weil die Spanier herausfanden, dass die riesigen Steine aus denen sie gebaut waren, durch Scharniere aus Gold, Silber und Bronze zusammengehalten wurden. Eisen hatten die Inka nie entdeckt. Inkas, betont er auch, hiessen eigentlich nur die 14 Könige des antiken Reiches. Die normalen Bürger heissen und sprechen heute wie damals Quechua.
  • Zur Zeit der ersten kriegerischen Konflikte mit den Spaniern, waren die Quechua gerade dabei eine riesige Verteidigungsanlage im Norden der Stadt zu bauen. Der Namen der geplanten Anlage ist nicht überliefert. Sie wird heute Sacsayhuamán (oder Touristenenglisch: sexy women) genannt, was auf Quechua gesättigter Falke bedeutet. Der Name stammt von der damaligen Niederlage der Quechua, nach der das Areal mit Leichen der gefallenen Soldaten übersät war und den hiesigen Raubvögeln ein Festschmaus geboten haben soll. Etwas weiter ausserhalb der Stadt besuchen wir mit Ruinenführer Steve noch drei weitere eindrückliche Inka-Stätten: Q’enqo, Puca Pucara, Tambomachay. Ersteres war eine sogenannte huaca – ein heiliger Ort, wo Opfer für die Götter dargebracht und die Toten mumifiziert wurden. Zweiteres war ein Fort und Teil des Verteidigungsrings um Cusco herum. Letzteres war ein Wasserheiligtum, das vermutlich auch als Naherholungsgebiet der Inka-Könige diente. Nach so viel Ruinen-Erkundung könnten auch wir etwas Erholung brauchen. Aber leider sind wir keine Inka-Könige und am nächsten Morgen um sechs Uhr früh startet unser Inka-Dschungel-Abenteuer …