Dschungel-Trek & Machu Picchu – unterwegs mit der Hollandhelvetia-Band

  • Unser Inka-Dschungel-Abenteuer startet morgens um sechs mit einer vierstündigen Fahrt ins heilige Tal der Inka nördlich von Cusco. Wobei die Fahrt eigentlich erst um halb acht so richtig losgeht. Die eineinhalb Stunden vorher verbringen wir mit dem Aufladen unserer «Mountainbikes» (mehr zu den Anführungs- und Schlusszeichen später) und dem Auflesen unserer Tour-Gspändli. Zu vierzehnt geht es schliesslich entlang des Urubamba-Flusses nach Ollantaytambo und in engen Serpentinen hoch auf den Abra Malaga Pass. Unterwegs wird schnell klar, dass sich hier ein spassiger Trupp zusammengefunden hat. Zwei Holländer und drei Schweizer Anfang zwanzig kennen sich bereits von bierseligen Abenden in ihrem Hostel und geben bald lateinamerikanische Schnulzen zum Besten. Die vier etwas älteren Päärchen – ja dazu zählen auch wir – üben sich erst im typischen Traveller-Small-Talk bevor die eigenen Bierstories erzählt werden.

Auf 4000 Meter Höhe, nur knapp unter den schneebedeckten Bergen, heisst es dann Aussteigen. Hier beginnt unsere Down-Hill-Biking-Tour. Bevor die Gümmelete los geht, muss aber erst die ganze Schutzbekleidung montiert werden: Knie- und Ellbogenschoner, Rückenpanzer, Handschuhe und schaurig stinkiger Vollschalenhelm. Angesichts des Zustands unserer fahrbaren Untersätze – vor zwanzig Jahren verdienten die Dinger vielleicht mal den Namen Mountainbike – ist die ganze Ausrüstung auch bitter nötig. In Vollmontur düsen wir dann auf der geteerten Passstrasse den Berg hinunter. Immer mal wieder kommt uns ein PKW, Lastwagen oder Moto-Taxi (Tuk-Tuk-mässige Gefährtschaften) entgegen, die zur Freude der eigenen Herzfrequenz immer genau dann hupen, wenn sie an einem vorbeirauschen. Zu sehen wie sich die Vegetation auf unserer Abfahrt von vier- auf eintausend MüM verändert, ist aber super eindrücklich. Während wir im Fahrtwind zwischen den spärlich bewachsenen Felsen erst noch etwas schlottern, wird die Luft schnell wärmer und die Landschaft um uns herum fruchtbarer. Bald hängen sattgrüne Äste, Palmwedel und farbenfrohe Blumen über die Fahrbahn und wir entledigen uns der ersten Kleiderschicht. Gefühlte tausend Kurven und einige spritzige Bachbeetüberquerungen später ist der Fahrradplausch zu Ende. Lediglich ein Unfallopfer ist zu beklagen und die ungeübte Fahrradfahrerin mit blutiger Lippe hat sich anscheinend selbst zu Fall gebracht.

Weiter geht’s noch am selben Nachmittag mit River-Rafting. Nach einem kurzen Mittagsstopp fahren wir zu unserem Hostel in Santa Maria, wo wir einchecken und dann gleich von unseren Kapitänen abgeholt werden. Eine halbe Stunde flussabwärts steigen wir in die fünf Gummiboote, die im kühlen Wasser des Urubamba bereitstehen. Mike und ich erwischen eine mehrheitlich israelische Crew, deren Mitglieder die Ruder-Instruktionen zu Beginn leider nicht alle verstehen. Das merken wir zu dem Zeitpunkt jedoch noch nicht und stechen freudig in Fluss. Kaum angestochen bedankt sich dieser mit einer ersten Stromschnelle die uns alle kräftig befeuchtet. Überrascht vom kalten Nass schnappen wir nach Luft, doch fürs Verschnaufen bleibt keine Zeit. «Forward, one, two, one, two”- ruft unser Kapitän und wir Paddeln was das Zeug hält. Dumm nur, dass wir dabei nicht alle in die gleiche Richtung rudern, geschweige denn gleichmässig. Und so hat die nächste Stromschnelle ein Leichtes unseren Feuchtigkeitsgrad noch etwas zu erhöhen. Triefend trillert unser Käpitän auf seiner Pfeife um unsere Aufmerksamkeit. «Muy mal» (sehr schlecht), lautet sein Urteil. «You have to row together. Again. Forward», weisst er uns an und deutet nach vorne. Zwar stimmt jetzt die Richtung, aber der Asynchronität tut das keinen Abbruch und als wir beim nächsten Felsen im Fluss «backwards» rudern sollen ist die Verwirrung komplett. Die anderen Ruderer paddeln grinsend an uns vorbei, während wir im ruhigeren Wasser an der interkulturellen Kompetenz unserer Crew arbeiten. «Forward, Kadima. Backwards, Leachor», erklärt einer der Israelis seiner Mannschaft gestikulierend. Und so rufen wir bei der nächsten Stromschnelle alle im Chor «Kadimaaa, one, two, one, two» und ernten für unseren Effort prompt ein «Mejor» (besser) von unserem Käptn. Ab da ist der wilde Ritt auf dem Urubamba eine wahre Freude und wir holen sogar einige der anderen Gummibööter wieder ein. Klatschnass stehen wir nach dem rund einstündigen Waschgang schliesslich am Flussufer und beglückwünschen uns gegenseitig lachend zu unserem Überleben.

Zurück in Santa Maria haben wir vor dem Abendessen noch kurz Zeit zum Trocknen und Ausruhen. Von unserem Power-Nap weckt uns das komischste Geräusch, das ich je gehört habe. Eine Art Gluckern, aber höher und lauter. Abrupt fängt es an und hört ebenso wieder auf. Wir gehen nach draussen und Treffen auf ein Trio Truthähne, die versuchen, eine Truthenne zu beeindrucken. Das Bild dazu macht das Ganze nur noch lustiger, denn bei jeder Glucker-Attacke strecken die Hähne ihre Hälse nach vorne und wabbeln dabei den komischen roten Hautfetzen, der daran hängt. Wer das noch nie gesehen oder gehört hat, dem kann ich eine Weiterbildung auf Youtube nur wärmstens empfehlen.

  • Angesichts der Tatsache, dass ich für die Erzählung nur eines Tages bereits mehr als eine A4-Seite gebraucht habe, kürze ich den Rest des Dschungel-Abenteuers etwas ab: Am zweiten Tag wartet eine 8-stündige Wanderung entlang dem Inka-Strassennetz von Santa Maria nach Santa Teresa auf uns. Und oh Wunder: sie macht sogar uns Wandermuffeln Spass. Dazu trägt sicher auch der Backstreet-Boy-Soundtrack bei, den die Holland-Helvetia-Band freundlicherweise produziert, sowie das Wasserglace und die exotischen Früchte aus dem Dschungel-Kiosk. Ebenfalls sehr erhebend für den verschwitzt-verbrauchten Wander-Esprit ist der Schlangen-Schnaps und der selbstgemahlene Kaffee, den wir auf halben Weg von ein paar einheimischen Frauen erhalten, die in ihrer Küche sowohl Meerschweinchen halten als auch zubereiten. Die steilen und engen Treppen des Inka-Pfads, der sich dem Abgrund entlang schlängelt sowie die prekären Brückenbaukünste aus der Neuzeit, stellen derweil sicher, dass es dem Wanderer unterwegs nicht langweilig wird. Der Gipfel der Abenteuerlichkeit ist dann die Flussüberquerung ganz ohne Brücke dafür mit antikem Seilbähnli kurz vor dem absoluten Höhepunkt des Wandertags: den Thermalbädern von Santa Teresa. Lasset euch gesagt sein: nie badet es sich so gut, wie wenn man am selben Tag sein T-Shirt siebenmal durchgeschwitzt und seine Schafswolle dreimal in einen Brunnen getunkt hat!
  • Tag drei ist Mike-Tag. Der tollste aller Travel-Buddies feiert Geburtstag! Schon zum Frühstück erhält er ein Ständchen der übel-verkaterten Holland-Helvetia-Band, die ihre Tanzkünste noch bis in die frühen Morgenstunden an den Stangen der Clubs von Santa Teresa vorführten. Das Frühstück bei sich zu behalten, dürfte einigen von ihnen danach nicht leicht gefallen sein. Ziplining über der Schlucht des Urubamba-Flusses ist angesagt. In 150 Metern Höhe fliegen wir von einer Talseite zur anderen und wieder zurück. Schwindelerregt klettern wir danach noch über eine Hängebrücke der Machart Peru-Neuzeit – diesmal wurde die Hälfte der Latten aber wohl absichtlich weggelassen und wir sind gut gesichert. Eine Busfahrt später, sind wir in Hydroelectrica. Wie der Name schon verrät steht hier ein riesiges Wasserkraftwerk und zwar das grösste in Peru. Neben den Maschinenhäuschen im Tal befindet sich ein klitzekleiner Bahnhof von wo aus Züge nach Aguas Calientes, dem Ausgangspunkt für den Aufstieg nach Machu Picchu, fahren. Diese Fahrt ist in unserer Tour jedoch nicht inklusive und so wandern wir noch einmal drei Stunden entlang der Geleise durch den Dschungel. Zur Krönung seines Tages erhält Mike nach dem Abendessen Mike noch ein enormöses Stück Schockoladenkuchen inklusive Kerzlein, das der Frontmann der Holland-Helvetia-Band aufgetrieben hat. Früh geht es danach ins Bett, denn früh geht es am anderen Morgen weiter.
  • Um halb vier Uhr morgens klingelt der Wecker. Im Halbschlaf wandeln wir zur Bushaltestelle und sind tatsächlich fast die Ersten, die sich hier einfinden. In den nächsten eineinhalb Stunden bis zur ersten Fahrt nach Machu Picchu wächst die Schlange hinter uns soweit an, dass wir das Ende bald nicht mehr sehen. Alternativ zur Warterei könnte man den Aufstieg in die 400 Meter höher gelegene Inka-Stätte auch zu Fuss in Angriff nehmen. Dafür schmerzen meine Füsse und Kniekehlen von den zwei vorherigen Wandertagen aber zu stark. Die Anfangzwanziger unserer Gruppe scheinen solche Probleme noch nicht zu kennen. Punkt fünf Uhr stehen sie an der Fussgängerbrücke über den Urubamba, an deren anderem Ende die endlose Treppe beginnt, die nach Machu Picchu führt. Mateo, Sporty-Spice der Holland-Helvetia-Band und ehemaliger Profi-Fussballer, schafft den Aufstieg, für den Normalsterbliche sicher eine Stunde brauchen in unglaublichen 32 Minuten. Stolz schwitzend treffen wir ihn und die Anderen am Parkeingang als wir aus dem ersten Bus aussteigen. Tatsächlich sind wir unter den ersten Besuchern, die an diesem Morgen um 6:30 Uhr die Ruinenanlage betreten dürfen. Den Stress hätten wir uns aber sparen können. Fifty shades of grey ist alles was wir von dem weltberühmten UNESCO-Kulturerbe sehen. Der dichte Nebel lässt uns nur gerade ein paar Meter über unsere Nasenspitzen hinaussehen. Immerhin hat unser Tourguide Evers ein dickes Buch voller wunderschöner Fotos dabei, die uns zeigen, was wir hier jetzt alles sehen könnten. Aber ganz so schlimm bleibt es nicht. Während wir unser mitgebrachtes Frühstück verzehren und Evers Erzählungen über den Möchtegern-Machu-Picchu-Wiederentdecker Hiram Bingham lauschen, drücken die ersten Sonnenstrahlen durch das Nebelmeer. Bald können wir einen Grossteil der Zitadelle sehen, über deren Sinn und Zweck heute noch gerätselt wird. Es wird angenommen, dass die Inka-Festung um 1450 unter Pachacútec Yupanqui erbaut wurde, der das Inka-Reich durch weitläufige Eroberungen und Infrastrukturprojekte zu einer Grossmacht entwickelte. Höchst wahrscheinlich diente die Stätte danach als Rückzugsort der Inka-Könige, welche normalerweise in Cusco residierten. Nachdem sich Evers von uns verabschiedet, erkunden wir die Stadt auf eigene Faust. Der «leichte Spaziergang» zur Sonnenpforte, die er uns empfahl entpuppt sich dabei zu einem stündigen Aufstieg vorbei an Lamas uns mystischen Felsstrukturen, an dessen Ende wir wieder einmal nassgeschwitzt sind. Aber immerhin können wir von hier oben fast alleine. In den engen Strässchen zwischen den Ruinen der Wohnhäuser ist das unmöglich. Täglich besuchen rund 2500 Personen die antiken Ruinen und ihre Füsse nutzen die Stätte stark ab, die nur für etwa 1000 Bewohner gebaut wurde. Die UNESCO drohte Peru mit dem Entzug des Kulturerbe-Zertifikats, sollte der Staat die Besucherzahlen nicht limitieren. 2017 wurde deshalb die heutige Limite von 2500 Tickets pro Tag eingeführt, wobei ein Ticket nur noch für den Vor- oder Nachmittag gilt. Der Regen, der bei unserem Gang durch die Ruinen einsetzt, vertreibt einige der Touristen, aber auch wir selbst finden es in unseren verschwitzen Klamotten unter dem knallroten Regenponcho bald nur noch mässig gemütlich und machen uns gegen Mittag auf zum Ausgang. Der Rückweg im Mini-Van nach Cusco zieht sich dann ziemlich in die Länge. Um zehn Uhr abends fallen wir todmüde in unser Hostelbett.
  • Das mit dem Kurzfassen hat ja prima geklappt …