La Paz & El Alto

  • La Paz ist verrückt faszinierend. Den besten Überblick über diesen riesigen Haufen aus ziegelsteinfarbigen Legoklötzchen auf 3500 MüM erhält man aus den Gondeln der acht Seilbahnstrecken, welche seit 2014 die einzelnen Stadteile miteinander verbinden (der Bau einer Metro war aufgrund der Steilhänge und unterirdischen Flüsse unmöglich, bis 2020 sollen 3 weitere Linien folgen). Von hier oben wirkt die Stadt wie eine verrückte Vision aus dem Videospiel Sims. Man sieht die 10 Millionen Einwohner zu Fuss und in tausenden von Mini-Bussen zur Arbeit eilen, auf den Flachdächern ihre Wäsche aufhängen oder auf dem Friedhof einen lieben Menschen beerdigen. Auch wenn man nach der schwindelerregenden Seilbahnfahrt wieder auf dem Boden der Realität ankommt, mutet die Stadt für uns Europäer noch immer surreal an. Zwischen den farbenprächtig Cholitas – wie die Frauen in der einheimischen Tracht aus den 20er Jahren genannt werden – die hier auf jedem Meter in ihren Mini-Verkaufsständen Produkte in Mini-Quantität verkaufen, fühlen wir uns zum ersten Mal richtig fremd, wie richtige «Gringos» (lateinamerikanisch für Ausländer). Aber genau dieses Gefühl macht die Stadt so spannend. Hier gibt es an jeder Ecke Exotisches, Unbekanntes und Unerwartetes zu entdecken:
    • San Pedro, das bizarrste Gefängnis der Welt, wo das angeblich reinste Kokain der Welt hergestellt wird und sich die Insassen selbst organisieren
    • den sogenannten Hexenmarkt, auf dem man getrocknete Lama-Föten kauft, die man dann zu Ehren von Muttererde Pachamama im Fundament neuer Gebäude vergräbt oder sich von einem Kallawaya die Zukunft aus Coca-Blättern lesen und sich einen Liebestrank brauen lässt
    • die mit Inka-Symbolen verzierte Basilika San Francisco
    • der Friedhof Cementerio General, der mit prächtigen Graffitis verziert ist und auf dem man – wenn man sich auskennt – eine Ñatitas, also einen Totenkopf, kaufen kann, denn man dann Zuhause aufstellt, um die Familie zu beschützen
    • und Cholitas, die wresteln (mehr dazu weiter unten)

Auf den beiden RedCap-Stadtführungen, während denen wir das alles erfahren, kommen wir aus dem Staunen kaum mehr heraus.

  • «Wenn ein Baby geflogen kommt, dann lasst es fallen.» Mit diesen Worten begrüsst uns Max von den RedCap-Tours in El Alto, der grossen Schwester des Bolivianischen Regierungssitzes. Hier weht ein rauerer Wind als im milden Tal unten. Je ärmer man ist, desto weiter oben wohnt man, heisst es in La Paz und El Alto liegt, wie der Namen schon sagt, hoch über den steilen Hängen von La Paz. Jeden Donnerstag und Sonntag strömt aber auch halb La Paz nach El Alto an den weltgrössten Trödlermarkt. Hier gibt es alles zu kaufen – von Radfelgen, über Sport-BHs, bis Zuckerwatte. „Das Gedränge lockt viele Taschendiebe an“, warnt Max. Da das die meisten Touristen schon wissen, haben sich die Bolivianischen Oliver Twists spezielle Tricks einfallen lassen, um die Gringos abzulenken. «Sie spucken oder sprühen dir eine Flüssigkeit ins Gesicht oder ins Genick und wenn du deine Hände hebst, um es abzuwischen, stehlen sie dein Portemonnaie. Noch Dreistere werfen dir ein Bündel zu und schreien «Hilfe mein Baby» und während du es auffängst, stibitzt jemand dein Handy aus der Tasche.» Daher sein gutgemeinter Rat: «lass das Baby fallen!». Zum Glück bleiben wir auf unserer Tour de Trödelmarkt aber von fliegenden Babys und Flüssigkeiten verschohnt.
  • Das Cholitas Wrestling ist der Höhepunkt des Besuchs in El Alto. Das bizarre Spektakel ist ein Mix zwischen Tom und Jerry und dramatischer Telenovela-Episode. Zu feurigen Beats stolzieren jeweils zwei der kräftig gebauten Cholitas in ihren buntesten Trachten in die Boxarena. Hier fordern sie ihren Applaus von den Zuschauern und beginnen sogleich lautstark ihre Gegnerin zu beleidigen. Sobald der Schiedsrichter auftaucht ist klar, welche der beiden Kämpferinnen der Bösewicht ist: diejenige, deren Partei der Unparteiische offensichtlich einnimmt, indem er ihre Gegnerin bereits bei der Kleidungskontrolle schikaniert. Das lässt sich Letztere natürlich nicht gefallen und wirft sich sogleich in dramatisch überhöhter Rage auf die Konkurrentin. Das Publikum – zur Hälfte Touristen und beschwipste Einheimische – johlt und buht, während die Wrestlerinnen sich gegenseitig an den langen schwarzen Zöpfen reissen, einander an den sieben Unterröcken zerren, sich um den Boxring jagen und einander Petflaschen über den Kopf ziehen. Eineinhalb Stunden sind für dieses Kasperlitheater etwas lang, aber wahrscheinlich ist es doch ein spezielleres Erlebnis als die Fahrradfahrt auf der berüchtigten Death Road, die in La Paz alle Touristen absolvieren und die wir für das Cholitas-Wrestling sausengelassen haben.
  • Nebst den vielen kuriosen und fröhlich-bunten Eindrücken, hinterlässt das Alltagstreiben in La Paz auch ein mulmiges Gefühl. Dann nämlich, wenn man realisiert, wie viele betagte Menschen – vor allem Frauen – hier für ihren Lebensunterhalt betteln, ein paar Bonbons verkaufen oder mitleiderregend vor sich hinsingen. Viele dieser vom Leben gezeichneten Greisinnen sieht man auch abends um elf Uhr noch auf ihren Decken am Strassenrand sitzen und man fragt sich ohnmächtig, ob sie überhaupt ein Dach über dem Kopf haben. Obwohl es in Bolivien mit 60 ein offizielles Rentenalter und mit der «Renta Dignidad» seit 2008 auch eine Mindestpension gibt, scheint das vielen älteren Leuten kein würdiges Leben zu ermöglichen. Nebst der Tatsache, dass die Minimalrente für Frauen, die nie offiziell erwerbstätig waren, kaum zum Leben reicht, können vor allem Pensionäre vom Land ihre Rente oft gar nicht beanspruchen, da sie keine Geburtsurkunde vorweisen und somit ihr Rentenalter nicht beweisen können. So bleibt ihnen nichts weiter übrig, als weiterzuarbeiten so gut es eben geht. Ein trauriges Schicksal für Menschen, deren Leben bis dahin meist schon sehr hart war.