Mendoza

  • In 2.5 Stunden fliegen wir für 110 Franken pro Person einmal quer durch Argentinien von der Wasserfallhauptstadt Puerto Iguazú ins Rebensaftmekka Mendoza. Für je 20 Franken pro Person kompensieren wir die CO2-Emmissionen des Fluges über myclimate.org Das haben wir schon mit unserem Hinflug von Zürich nach Buenos Aires für insgesamt 250 Franken gemacht. Der Ablasshandel macht die ganze Fliegerei zwar nicht weniger klimaschädlich, aber mit dem Geld unterstützt man Klimaschutzprojekte und – das ist ja wohl das Wichtigste – beruhigt das schlechte Weltenbummlergewissen. Wem das auch nicht reicht, dem empfehle ich eine Unterschrift der Petition NachhaltigAir für eine angemessene Besteuerung von Flugreisen.
  • Am ersten Abend in Mendoza treffen wir im Aufenthaltsraum unseres Hostels Simon und Michel aus Deutschland. Michel freut sich, dass er nach drei Monaten Reisen demnächst in sein Heimatdorf in der Nähe von Wolfsburg zurückkehren wird. Das lange Reisen, so der junge Mann, sei nichts für ihn. «Unterwegs triffst du die ganze Zeit so tolle Leute, von denen du dich meist gleich wieder verabschieden musst. Das ist auf die Dauer nichts für mich. Das schlägt mir zu fest aufs Gemüt», meint er reuig-grinsend. Die beste Begründung fürs Nicht-Reisen und gleichzeitig die beste fürs Reisen.
  • Anderntags treten wir unsere erste Südamerika-Wanderung an. Nach einer einstündigen Fahrt in die Vorläufer der Anden, soll es in 5 Stunden auf den Cerro Cabras (zu deutsch: Ziegenhügel) gehen – so heisst es zumindest in der ein-Satz-Beschreibung dieser «Caminata». Von den ca. 30 Leuten, die mit uns mitfahren, kommt nur jemand mit auf diese tolle Tour, für die wir uns da angemeldet haben. Das beunruhigt uns naseweise Wandergenies jedoch in keinster Weise. Auch das Tempo, das unser turnschuhtragender-Tourguide Sebastian bereits in der Ebene anschlägt, lässt uns an unserer Entscheidung nicht zweifeln. Der wird dann schon zurückschrauben sobald es steiler wird, denken wir. Tja, falsch gedacht. Der sadistisch veranlagte 21-Jährige rennt den unsichtbaren, dafür umso steileren Geröllweg voraus, nur um alle 500 Meter mal nach hinten zu schauen und mitleidlos «vamos chicos» zu rufen. Als ich ihn frage, ob es nicht auch ein bisschen langsamer ginge, murmelt er irgendwas von wegen «wir müssen um 16 Uhr wieder unten sein» und rennt in unvermindertem Tempo weiter. Keuchend und beinaheabkratzend kommen wir schliesslich auf dem Gipfel an. Sage- und schreibe 15-Minuten dürfen wir die Aussicht auf den Staudamm von Potrerillos und ein Sandwich geniessen, bevor es denselben 90-Grad-steilen Weg im doppelt so schnellen Tempo wieder runter geht. 3 Stunden, unzählige Flüche, ein paar Kratzer und zittrige Knie später, sind wir wieder am Ausgangspunkt dieses wunderbaren Wandererlebnisses. Freudig dürfen wir feststellen, dass wir noch weitere 3 Stunden warten müssen, bis das Programm der Rafting-Gruppe fertig ist und wir die Heimreise antreten dürfen. Wir gehen bestimmt bald mal wieder wandern. NICHT.
  • Die selbst-administrierte Wein-Velo-Tour am nächsten Tag ist etwas mehr nach unserem Gusto. Erstmal wird ausgeschlafen und gemütlich gefrühstückt, bevor wir unsere muskelkatergeplagten Füdlis vom öffentlichen Bus nach Maipú chauffieren lassen. Hier mieten die zwei Füdlibürgers zwei Velos mit wunderbar weichen Sätteln, mit denen sie zu den verstreuten Weingütern velölen (z.B. die über 100-jährige Bodega Viña del Cerno), wo es wirklich schampar viel feine Weine zu degustieren gibt. Wir werden von niemandem gestresst und kommen trotzdem erstaunlich schnell voran. Mendoza-Quintessenz: wir können viel schneller trinken als wandern!
  • In 6 Stunden überqueren wir die anderst-abgefahrenen-Anden und staunen uns einen ab ob den riesig-rot-orange-braunen Felsungetümen, die sich rund um uns auftürmen. Scheints gabs hier auch mal eine Zugverbindung, davon sind jedoch nur skelettartige Überreste zu sehen. Am höchsten Punkt der Überfahrt auf 3200 Meter befindet sich der chilenische Zoll. Hier wird Mike beinahe abgeführt, weil er aus Versehen versuchte exquisiten französischen Honig (ein Geschenk der flotten Franzosen aus Esteros del Iberá) in seine Socken (denen im Rucksack versteht sich) zu schmuggeln. Gütigerweise wird jedoch nur der Honig konfisziert und El Honigschmugglero darf weiterreisen. Dann, nach 6 der insgesamt 7 Stunden Fahrt, um acht Uhr abends, fährt unser Bus an den Strassenrand. Eine Panne, irgendwas mit den Rädern, wir müssen auf einen neuen Bus warten. Yeay! Wir stellen uns schon mal auf eine lange Nacht ein und werden positiv überrascht: eine Stunde später steht der Ersatzbus da und eine weitere Stunde später kommen wir wohlbehalten in Santiago an.