Cartagena – Taubentouristen in Seenot

  • Touristenmassen lügen nicht. Wo Menschen aus aller Welt schwarmartig ganze Plätze in Beschlag nehmen und wie gierige Tauben aufgeregt gluckernd nach den besten Fotosujets picken, da gibt es meist reichlich Augenfutter. So auch in Cartagena. Die zweitälteste Stadt Kolumbiens ist ein wahres Festessen fürs Auge. Im Centro histórico und dem davorliegenden Quartier Getsemani ist eine Strassenzeile kitschiger als die nächste. Mit tropischen Pflanzen besetzte Holzbalkone an buntbemalten Kolonialhäusern, mit vielfarbigen Wimpeln dekorierte Gässchen voller Souvenirläden, mit Früchteschalen winkende Afrokolumbianerinnen in bunten Trachten, knuffige Faultiere, Äffchen und Eichhörnchen auf den Bäumen des Stadtparks und die grossartige Aussicht von der Stadtmauer auf die moderne Skyline des Viertels Boca Grande buhlen um die Aufmerksamkeit der Taubentouristen. Und auch wenn die Touristenschwärme das Sightpicking anstrengender und weniger exklusiv machen, so kann ich mich doch nicht fürs Touribashing erwämen, dass viele alternative Hipsterwandervögel in den Hostels gern von sich geben. Schliesslich gehöre auch ich zu denen, die Fotos von denselben schönen Sachen machen, die abertausende vor mir schon gemacht haben. Schwarmintelligenz ist wohl einfach keine menschliche Stärke … Bei 35 Grad und 80 Prozent Luftfeuchtigkeit wird das Schwärmen und Klicken mit der Zeit auch ganz schön anstrengend. Zur Erholung vom Touritrubel gönnen wir uns deshalb täglich eine Portion paradiesisches Eis aus der passend benamsten Gelateria Paradiso. Hierhin verschleppen wir auch Schweizer Globetrottertoiblain Daniela, die wir dank dem dürrschen Buschtelefon in Cartagena aufgespürt haben. Gemeinsam erlegen wir das grösste Fort Lateinamerikas – das Castillo San Felipe de Barajas – eine Heldentat die wohlweisslich allen Engländern und Piraten verwehrt blieb, welche die Verteidigungsanlage seit ihrer Erbauung 1536 zu stürmen suchten. Lediglich die Franzosen schafften es 1679, wie wir, bis zum Wärterhäuschen über den insgesamt 8 Kanonenbatterien vorzudringen (dieser lässiglustig animierte Film erzählt die turbulente Geschichte der berühmten Festung).
  • Auf den ersten Streich der Trutz-Dürr-Allianz soll sogleich der nächste folgen. Im schampar coolen Bike and Dive Hostel in dem wir untergekommen sind, bieten die zwei Schweizer Inhaber und erprobten Seebären Manuela und Tony  zweitägige Segeltörns an (bevor die beiden letztes Jahr das Hostel gründeten, segelten sie zwei Jahre mit ihren zwei kleinen Kindern um die Welt). Wir sind angetörnt und heuern an, zu unserem ersten Abenteuer auf hoher See in der Crew von Kapitän Tim. Nach dem Eroberungsfeldzug zu Land, soll es nun den sieben Weltmeeren an den Kragen gehen. Aber Hochmut kommt bekanntlich vor dem Fall. Kaum ist unsere 15-Meter lange Luxusnussschale aus dem Hafen ausgelaufen, dreht das Meer den Spiess um und es geht mir an den Kragen respektive Magen. Drei Stunden und eine Fischfütterung später kommen wir endlich an unserem nächtlichen Ankerplatz in einer ruhigen Bucht der Islas Rosario an. Statt gegen Wellengang müssen wir (also vor allem Daniela) nun nur noch gegen den aufdringlichen Lobgesang der einheimischen Partyjungs ankämpfen. Souverän gewinnen wir immerhin diese Schlacht und Kombüsenkünstler Mike belohnt die 10-köpfige Crew mit seiner exquisiten Tomatenspaghetti-Kreation. Danach geht’s bald unter Deck.

Pünktlich um 1.30 Uhr morgens klingeln die Wecker. Der Mond ist gerade untergegangen. Schläfrig montiere ich im Dunkeln meine Schnorchelausrüstung und steige zögerlich ins kalte Nass. Kaum bin ich im Wasser explodiert um mich herum ein Mini-Feuerwerk aus fluoreszierendem Plankton und ich bin auf einmal hellwach. Fasziniert wie ein Baby, das zum ersten Mal ein Mobile sieht, strample ich mit mir selbst um die Wette und staune ungläubig über die leuchtenden Glitzerwolken, die meine Bewegungen hinterlassen. Was genau bei diesem Biolumineszenzspektaktel abgeht, hab ich immer noch nicht ganz verstanden, aber das Video hier gibt einen kleinen Eindruck davon, wenn auch von einem ganz anderen Flecken Erde.

Anderntags gibt’s noch zwei tolle Schnorchelstopps bei Tageslicht, wo wir unter anderem auch das Wrack eines Kleinflugzeugs sehen, das im Auftrag von Drogenbaron und Massenmörder Pablo Escobar Kokain schmuggelte, als es vom kolumbianischen Militär abgeschossen wurde. Danach folgt die raue Rückreise alias Teil zwei meines Meeresmartyriums. Wir haben starken Gegenwind und die bis zu drei Meter hohen Wellen schütteln Kahn und Crew kräftig durch. Diesmal bin ich nicht die Einzige die Fische füttert, aber die Einzige die danach fast noch die Planken küsst. Nur liegend und mit Kotzkübel bewaffnet überstehe ich die bisher längsten vier Reisestunden unseres Trips. Nie war ich froher festen Boden unter meinen Füssen zu haben als an diesem Abend. Das bon mot «Segeln ist die teuerste Art unbequem zu reisen» kann ich also nur bestätigen, wobei ich «unbequem» also noch ungehoier untertrieben finde.

 

La Barra oder der Ritt auf dem Kühlschrankmonster

  • Und dann ist da noch die unvergessliche Expedition mit Aura, Romain, Juanita, Philipp und Baby Maui ans Ende der Welt. Auch diese beiden kolumbo-europäischen Päärchen haben sich anno domini in Urs‘ Iguana kennengelernt und uns nach dem bierseligen Abend bei Don Hebert eingeladen, sie auf ihrem Ausflug an die Pazifikküste zu begleiten. Und so sitzen wir Anfang 2019 gemeinsam in einem Minivan dessen Chauffeur uns dank kriminellster Überholmanövern in Rekordzeit von Cali nach Buenaventura Vom grössten Pazifikhafen Kolumbiens geht’s per Motorboot weiter nach Jaunchaco. Nach einer Stunde Schüttelvergnügen gilt es hier ein Transportmittel zur Weiterreise nach La Barra zu finden. Boot, Mototaxi, Tuktuk oder Traktorwagen? Wir haben die Qual der Wahl. Schlussendlich entscheiden wir uns für die vielversprechende Kombo aus 15 Minuten Tuktuk und 15 Minuten Traktorwagen. Abgesehen von der Abgasvergiftung ist der erste Teil ganz harmlos. Am Umsteigeplatz überrascht uns dann die Traktorwagenwahl unseres Chauffeurs. Nicht etwa einer der Wagen mit schmucken Holzbänken und Dach, nein, der einzige Wagen mit unbefestigten Bänken aus alten Kühlschränken und mit Schnüren befestigten Seitenwänden solls sein. Ob das denn für das Baby sicher sei, fragt Juanita den Chauffeur. «cien por ciento seguro» (100%ig sicher), antwortet dieser ohne mit der Wimper zu zucken. Nicht dass wir ihm glauben würden, aber anscheinend haben wir den Typen mit dem lausigsten Wagen angeheuert und so steigen wir auf und verstauen unser Gepäck im Innern der Kühlschränke. Was auf den ersten hundert Metern durchs Dorf noch nach einer skurrilen Touristenattraktion anmutet, verwandelt sich auf dem holprigen und von Traktorrädern ausgefressenen Dschungelschlammpfad zu einer ungewollt gfürchigen Achterbahnfahrt. Unsere beweglichen Sitzgelegenheiten drohen abwechslungsweise damit uns zu zerdrücken oder über Bord zu fallen. Als die Endstation Strand dann schon in Sichtweite ist, gilt es noch ein letztes Hindernis zu überqueren: den Fluss. Die Sonnenbader auf der sicheren Seite wollen sich das Spektakel unserer Ankunft oder – was mir zu dem Zeitpunkt durchaus wahrscheinlicher erscheint – unseres Ertrinkens nicht entgehen lassen. Und tatsächlich bleiben wir erst auf halbem Weg stecken, bevor – oh Wunder – unser Kühlschrankmonster im dritten Anlauf die Überquerung schafft. «Cien por ciento seguro», zwinkert uns der Chauffeur zu als er uns beim Aussteigen hilft. Trotz allem müssen wir lachen. Was für ein Ritt!
  • La Barra ist ein sehr einfaches Fischerdorf am Rand des Dschungels. Davor breitet sich ein eindrücklicher Strand aus, dessen Ausdehnung sich bei Ebbe jeweils noch vervielfacht. Die wenigen Häuser sind alle aus Holz und ihre Bewohner leben vom Meer und vom Tourismus. Unser Hostel ist eine ziemlich wackelige zweistöckige Holzkonstruktion, die es einem erlaubt, jeden Toilettengang und jegliche sexuellen Aktivitäten der Mitbewohner am eigenen Körper mitzuerleben (ein herzliches Dankeschön an dieser Stelle dem blöffigen Ami und der sportlichen Deutschen, die hier anscheinend ihr sexuelles Erwachen erleben durften). Ein Ventilator gehört leider nicht zum Inventar, weshalb wir das Hostel nach zwei durchschwitzten Nächten wechseln. Der versprochene Luftbeweger fehlt dann jedoch auch in unserem nächsten Zimmer, aber der nette Inhaber lehnt kurzerhand einen vom nächsten Restaurant aus und bohrt ihn an unsere Zimmerdecke. Tagsüber spendet das Schwimmen im lauwarmen Meer Abkühlung von den tropischen Temperaturen. Beim Baden und Sändelen mit Maui haben wir das erste Mal auf unserer Reise das Gefühl in den Sommerferien zu sein. Die digitale Detox-Kur, die mit unserer abgelegenen Destination einhergeht, hilft beim Entspannen. Die Plastiksäcke und -flaschen am Rand des Strandes und der viele Müll entlang der Trampelpfade im Dorf trüben diese Ferienstimmung etwas. So wie es aussieht gibt es hier (noch) keinen regelmässigen Service für den Abtransport des Abfalls, der vom Meer angeschwemmt, von Einheimischen im Dschungel entsorgt oder von Touristen am Strand liegengelassen wird. So sind die halbjährlichen Strandräumungen von NGOs wie Ecopazifico (bei der letzten Sammlung im Mai 2018 in La Barra und Umgebung wurden sage und schreibe 11 Tonnen Müll gesammelt) bisher die einzige Hoffnung, dass diese Strände Traumstrände bleiben. Nebst dem Abfallproblem stimmt uns auch der Umgang mit einer körperlich beeinträchtigten Frau im Dorf nachdenklich. An unserem zweitletzten Tag sehen wir die Frau, deren Arm und Bein der rechten Körperhälfte nicht vollständig entwickelt sind, sich am Strand ausziehen. Mühsam entledigt sie sich ihrer Kleider und wischt sich im Meer. Wir sind etwas irritiert, haben doch die meisten Häuser trotz ihrer Einfachheit eine Regenwasserdusche. Tags darauf erleben wir mit, wie dieselbe Frau auf der Strasse vor unserem zweiten Hostel einen epileptischen Anfall erleidet, als wir dort gerade einchecken. Einheimische schauen zu, wie sie im Dreck der Strasse zuckt, helfen ihr aber nicht. Alarmiert fragen wir die Hostelinhaberin, ob die Frau keine Familie habe, die man informieren müsse und ob man sie nicht vielleicht in ein Hostelbett legen könne. Ungerührt erklärt sie uns das sei die Schwester ihres Mannes und die habe «immer wieder solche Anfälle». «Lasst sie einfach liegen, die steht dann schon wieder auf», so ihre Reaktion.  Auch wenn man bei einem epileptischen Anfall nicht wirklich viel machen kann – was ich auch erst seit diesem Erlebniss weiss (siehe Erste Hilfe bei epileptischen Anfällen) – ist die Apathie der Zuschauer für uns doch nur schwer nachvollziehbar. Ein australischer Tourist trägt die regungslose Frau schliesslich von der Strasse und kümmert sich um sie, bis sie wieder zu sich kommt. Und so sind unsere Emotionen in Bezug auf diesen schönen Ort etwas zwiegespalten, als wir am nächsten Tag ins Motorboot einsteigen, dass uns in die digital-vergiftete Zivilisation zurückbringt (Nein, ein zweiter Ritt mit dem Kühlschrankmonster wollten wir uns dann doch nicht antun).

Cali und eine Ode an den Urs

  • Zum ersten Mal feiern wir Weihnachten weg von zu Hause, in der tropischen Wärme von Cali im Süden von Kolumbien: Mit Plastikbaum und Salsa anstatt mit Nordmannstanne und Weihnachtsliedern. Mit Rum anstatt Glühwein und Thaicurry anstatt Fondue Chinois. Aber trotzdem nicht ganz ohne Familie und auch nicht ohne Weihnachtsguetzli. Für etwas mehr als zwei Wochen kommen wir bei Mike’s Cousin Urs unter und verwandeln sein sympatisches Häuschen im Viertel Aguacatal kurzerhand in eine Mailänderlibackstube. Gemeinsam mit unserer Lieblingsschwedin Emma – die wir hier noch ein letztes Mal treffen, bevor sie den Heimweg antritt – backen wir, bis uns der Teig zu den Ohren raushängt. Auch unseren Schweizer Reisekumpan Tobias dürfen wir zu Urs nach Hause einladen und bereiten zusammen mit ihm das etwas untypische Weihnachtsmenü vor. Und so kommt es, dass wir alle gemeinsam mit Urs, seinem Sohn Mateo, seiner Mutter Anna und ihrer Familie sowie Nachbarn und Freunden ein kolumbohelvetisches Weihnachten feiern, wo man sich zwischen Salsaeinlagen mit Mailänderli stärkt und Thaicurry mit Rum runterspült.
  • Urs ist nicht nur unser grosszügiger Asylgewährer und abenteuerlicher Jeepchauffeur, sondern auch unser LandundLeute-Jackpot. Er wohnt bereits seit über 20 Jahren in der Geburtsstadt des Salsa und führte bis vor drei Jahren das erste Hostel in Calí – die Iguana. Heute arbeitet er als Tourguide und führt Touristen aus aller Welt zu den geheimnisvollen Steinstatuen nach San Augustín, den beeindruckenden Wachspalmen in Salento und den umliegenden Rumdestillerien, Kaffee- und Kakaoplantagen. Egal wo in Calí wir mit ihm hingehen, immer treffen wir Freunde und Bekannte. Dank ihm lernen wir jede Menge passionierte Caleños, Europäische Winterflüchtlinge und kolumbianische Lebenskünstler kennen und erleben einzigartige Abenteuer. Gemeinsam mit Pilar und Felipe, die sich in der Iguana kennengelernt haben, stehen wir drei Stunden Schlange für ein Konzert an der berühmten Feria de Cali (heuer im Zeichen der Gewalt gegen Frauen, hier das offizielle Video zur diesjährigen Feria-Hymne), das wir schlussendlich doch nicht besuchen. Mit der ehemaligen Iguana-Crew lernen wir Salsa im ohrenbetäubenden und hüfteschwingenden Club von Don Hebert. Mit Nachbarin Milly staunen wir ob der exotischen Klänge und der ausgeflippten Weihnachtsbeleuchtung am Pazifikfest der Feria. Mit Claudia und Ralf besuchen wir die Kombucha-Künstler Flora und Andreas und geniessen ein einmaliges Fondue im Nebelwald über Calí. Mit den Nachbarn Milly, ihrer Tochter Laura, Igor und seiner Familie schauen wir zu, wie das año viejo (das alte Jahr) explodiert und feiern und philosophieren bis morgens um fünf ins neue Jahr hinein. Mit Mateo schauen wir Aquaman im Kino und veranstalten ein Pfützenwetthüpfen bei einer Kolibri-Farm im Dschungel. Und Urs ist immer mittendrin und voll dabei, für jeden Spass zu haben und der beste Gastgeber, den man sich wünschen könnte. Mil gracias Urs!