Nazca, Huacachina, Paracas, Lima – von mysteriösen Linien, Oasen, Stränden und Tunnels

  • Unterwegs von Arequipa nach Huacachina machen wir am Aussichtsturm der geheimnisumwobenen Nazca-Linien Halt.  Vom rostigen Wackelturm aus sieht man etwa vier der rund 1500 imensen Sandzeichnungen, die im 1. Jahrhundert vor Chirstus in den Wüstenboden geritzt wurden. Wer und wofür genau diese Meisterwerke hinterlassen wurden, weiss ich dank meinem Besuch in Erich von Dänikens famosem Mysterypark vor bald 20 Jahren (leidergottes äh -aliens gibt’s den heute ja nicht mehr). Während sich EvD sicher ist, dass die bis zu 20 Kilometer langen Linien extraterrestrischen Ursprungs sind, streiten sich Historiker und Archäeologen heute noch um die deren wahre Bedeutung. Um die Ausmasse dieses Weltkulturerbes wirklich zu erfassen muss man ins Flugzeug steigen. Dafür fehlt uns aber leider Zeit und Budget und dank EvD kenn und weiss ich ja eh alles schon.
  • Weiter geht’s also in die Wüstenoase Huacachina. Der Touristenhotspot lockt vor allem mit den riesigen umliegenden Dünen, auf denen täglich tausend und eine Sandbuggy-Tour angeboten werden. So rast jeden Abend kurz vor Sonnenuntergang eine Armada Sandbuggys in halsbrecherischem Tempo durch die steile Wüstenlandschaft. Diese Mad-Max-Experience lassen wir uns natürlich nicht entgehen. Zwischen den Dünen-stunts unseres Chauffeurs dürfen wir einige Male aussteigen und ein paar besonders steile Dünen kopfvoran auf einem Holzboard runterrutschen. Supersandige Sache sag ich euch. Ich werde wohl noch nach meiner Heimkehr in die Schweiz Sand in Körperöffnungen und Kleidern von mir finden.
  • Nächster und zweitletzter Halt unserer Peru-Hop-Tour ist Paracas. Hier hat der Magen eines Mitreisenden (Name der Redaktion bekannt) ein paar Aussetzer, weshalb wir auf die geplante Pisco-Tour verzichten und uns mit einer kleinen Fahrt durch das nahe Nationalreservat begnügen. Der rote Strand aus errodiertem Magmagestein und der windige Ausblick auf die gägeligelben Uferklippen ist allemal ein Ausflug wert.
  • Unterwegs von Huacachina nach Lima besuchen wir die Sklaventunnels der Hacienda de San Jose. Durch das 35 Kilometer lange unterirdische Tunnelnetz unter den ehemaligen Zuckerrohr- und Baumwollplantagen des Anwesens wurden zu Kolonialzeiten Sklaven zu fünf weiteren Haciendas und dem nahegelegenen Hafen Chicha geschmuggelt. Nicht dass die Sklavenhaltung damals verboten gewesen wäre, aber man wollte natürlich nicht unnötig Steuern zahlen. Daneben dienten die Tunnels auch dazu, unbemerkt vor Piraten zu flüchten, die damals regelmässig die strandnahen Haciendas angriffen. Heute ist das riesige Anwesen ein Fünfsternhotel und vor dem grausigen, historischen Hintergrund werden luxuriöse Kindergeburtstage und Hochzeiten gefeiert.
  • Lima: Endstation. Nur gerade einen einzigen Tag können wir der peruanischen Hauptstadt widmen, da die Flugtickets nach Calí näher an Weihnachten je länger je unerschwinglicher werden. Eigentlich hätten wir diesen Tag plus dazugehörige Nacht bei einem Couchsurfer verbringen wollen, doch es sollte anders kommen. Als wir um elf Uhr abends mit Peru-Hop in Lima ankommen und in einem nahegelegenen Hostel ein Taxi zum Haus unserer Couch bestellen wollen, schauen uns die Rezeptionistinen entgeistert an. Also um diese Zeit gehe daaa ja sicher niemand hin, meinen sie. Und tatsächlich weigern sich auch die Taxifahrer, uns ohne genaue Adresse dahinzufahren. Als der Cousurfer anbietet, uns entgegenzulaufen, sind wir schon so verunsichert, dass wir ihm schliesslich absagen und stattdessen gleich in dem Hostel bleiben. Für letzten Teil unseres Peruabenteuers haben wir etwas gar wenig Zeit eingeplant und wir sind die langen Busfahrten langsam leid. Umso mehr freuen wir uns deshalb auf ein paar ruhige und besinnliche Weihnachtstage bei Urs, Mike’s Cousin, der seit 20 Jahren in Kolumbien lebt.

 

Arequipa & Colca Canyon – von der weissen Stadt ins Epizentrum der unbefleckten Empfängnis

  • Die weisse Stadt, la Ciudad Blanca, wie Arequipa auch genannt wird, gilt als die schönste Stadt Perus. Die historische Innenstadt mit den vielen Häusern aus dem weissen Vulkangestein Sillar ist in der Tat sehr einladend und es gibt sogar eine Fussgängerzone. Auch ein lebendiges Nachtleben soll die Stadt haben. Davon merken wir jedoch nicht viel. Nicht einmal ein Bier oder ein Glas Wein kriegen wir, als wir am ersten Abend in einem Restaurant sitzen. Schon während wir die Getränkekarte studieren, kommt die Kellnerin an unseren Tisch und macht eine entschuldigende Geste: «Morgen sind Wahlen, es gibt heute also keinen Alkohol». Der Genuss von alkoholischen Getränken ist in einigen südamerikanischen Ländern an Tagen vor wichtigen Wahlen nicht gestattet, lernen wir. Die sogenannte «Ley seca» (trockenes Gesetzt) soll Unruhen verhindern und sicherstellen, dass die Bürger bei Sinnen wählen gehen. Und so begnügen wir uns eben mit einer Chicha Morada, dem typisch peruanischen Getränk aus Purpur-Mais, das hier alle trinken. Auf der FreeWalkingTour am nächsten Tag probieren eine weitere Peru-Spezialität: Queso helado – also Käse-Glace. Entgegen der Benamsung enthält das Eis aber kein bisschen Käse sondern besteht primär aus frischer Milch, Kondensmilch, Zimt und Kokosraspeln. Der Name soll von der Machart herrühren, welche dem Eis ein käseartiges Aussehen verleiht. Naaaja darauf fällt man vielleicht rein, wenn man nur den farb- und geschmacklosen Käse dieser Breitengrade kennt, als Schweizer-Käserliebhaber hätten wir die cremeartige Masse, welche die Strassenverkäufer feilbieten, aber nie im Leben mit Käse verwechselt.
  • Einen Tag später besuchen wir das berühmte Kloster Santa Catalina – eine autarke Stadt in der Stadt, erbaut Ende des 16. Jahrhunderts auf einer Fläche von rund drei Fussballfeldern. Hier lebten zu Höchstzeiten bis zu 150 Nonnen mit ihren 300 Bediensteten und Sklavinnen in strenger Klausur. Das heisst die jungen Frauen, welche von ihren reichen spanischen Eltern gegen eine grosszügige Mitgift der Obhut des Kloster übergeben wurden, verliessen die Mauern des Konvents nach ihrem Gelübde meist nie mehr. Erst seit 1970 ist das religiöse Bauwerk der Öffentlichkeit zugänglich. Noch heute leben rund zwanzig Nonnen des Ordens der heiligen Katharina von Siena hier, der Grossteil der Gebäude ist jedoch zu einem eindrücklichen Museum umfunktioniert worden. Der Gang durch die wunderschönen, blau und orange-getünchten Gassen und niedrigen Gebäude im Kolonialstil katapultiert einen in die Vergangenheit und lässt den disziplinierten Alltag der gottesfürchtigen Frauen erahnen.
  • Als nächstes ruft uns der Colca Canyon, die zweittiefste Schlucht der Welt. Wieder einmal heisst es früh aufstehen und lange Busfahren. Immerhin gibt es unterwegs aber ein tolles Vulkan-Panorama und «Wullepügel»  (credits für die famose Wortschöpfung gehen an Thomas Rutz) in Aktion zu bestaunen: Unzählige Vicuñas, die an einer Lagune grasen, ein Schaf, das unseren Znüni-Kiosk stürmen will und ein Berg Lama-Gägel von einer Herde fotogener Lama-Models. Gegen Mittag kommen wir in Chivay an. Schon bei unserer Einfahrt hören wir Blasmusik und sehen Frauen und Männer in bunten Gewändern durch die Strassen huschen. In der kleinen Stadt werde gerade das Fest der «Inmaculada Concepción» gefeiert, erklärt uns unsere Tourführerin. Die Feierlichkeiten zur unbefleckten Empfängnis sind hier anscheinend die grösste Party des Jahres und dauern ganze vier Tage vom 8 bis 11 Dezember. Bevors ans Festen geht, müssen wir uns aber erst noch von der anstrengenden Mini-Van-Fahrt erholen. In den nahegelegenen Thermalbädern von La Calera, dürfen wir diesmal anstatt wandermüde Füsse, unsere sitzfaulen Hintern entspannen.

Zurück in Chivay machen wir uns mit zwei britischen Tour-Kollegen auf die Suche nach einem Abendessen und wagen uns dabei ins Epizentrum der unbefleckten Empfängnis: dem Dorfplatz. Hier steppt nicht nur der Bär, sondern alles was zwei Beine hat: vom hochbetagten Grosi bis zum kaum gehfähigen Sürmel. Alle tragen grandios glitzernde und farbenprächtige Gewänder, die sie im Takt der Musik schwingen und dabei aussehen wie lebendige Kreisel. Gebannt schauen wir zusammen mit zwei britischen Tour-Kollegen dem freudigen Treiben zu. Etwa zwanzig Minuten stehen wir da und stellen bald fest, dass sowohl Lied wie Tanz immer gleichbleiben und gleichzeitig nie aufhören. Nonstopp drehen die Tänzer und trompeten die Musiker zur circa 30-sekündigen Melodie. Ein Faszinosum! Und scheinbar läuft das schon seit drei Tagen so. Vier Tage lang wird jeden Tag von zwei Uhr nachmittags bis vier Uhr morgens wird gedreht und getrompetet – wau! Während wir auf unser Essen warten, recherchiere ich noch ein wenig zu diesem faszinierenden Brauchtum und finde folgenden Artikel. Offenbar stammt die Tanz-Tradition noch aus einer Zeit bevor die Spanier das hiesige Collagua-Volk zum Christentum bekehrten. Die Legende zur Entstehung des Festes besagt, dass ein Inka-König sich in eine Collagua-Prinzessin verliebte und, um sich ihr zu nähern ohne beim verfeindeten Stamm aufzufliegen, verkleidete er sich als Frau. Die Eroberung der Collagua durch die Inka sei deshalb schliesslich friedlich verlaufen. Der unendliche Kreisel-Tanz genannt «Wititi» ist eine Hommage an diesen Triumph der Liebe über den Krieg und bedeutet passenderweise «Liebe machen».

  • Als wir am anderen morgen früh losfahren, um den Colca Canyon zu erkunden, ist die Musik erst gerade verstummt, wie die Hostel-Rezeptionistin betont. Entlang der Strasse am Rand der Schlucht halten wir immer wieder an und staunen ob der grossartigen Aussicht auf das terrassierte Tal, wo duzende unterschiedlicher Kartoffel-Arten angepflanzt werden. Zuletzt machen wir einen stündigen Spaziergang zum Kreuz des Kondors und sehen unterwegs tatsächlich gleich vier der majestätischen Aasfresser über der Schlucht kreisen. Die ausgewachsenen Vögel haben eine Flügelspannweite von rund 2.5 Metern und werden bis zu 70 Jahre alt. Für fast alle Anden-Völker ist der Kondor ein heiliges Tier. In der Inka-Kultur repräsentiert er das Himmelreich, während der Puma für das Erdreich und die Schlange für die Unterwelt steht. Auf unzähligen Kunst- und Bauwerken sieht man diese drei Dreifaltigkeit der Inka-Mythologie Nachdem wir uns an den Geiern und dem 1200 Meter tiefen Abgrund satt gesehen haben, steigen wir wieder in den Mini-Van und fahren zurück nach Arequipa.
  • Den letzten Abend in Arequipa verbringen wir mit José, unserem ersten Couchsurfing-Kumpan in Südamerika. Vor über zehn Jahren habe ich das letzte Mal in Europa ge-couchsurft. Meine bisherigen Erfahrungen mit der Plattform, die Reisende und Einheimische zusammenbringt, waren überwiegend positiv. Trotzdem hatte irgendwie noch der Impuls gefehlt, es auch in Südamerika mal zu versuchen. Dieser kam dann in Form von Aaron und Lu, die wir auf der FreeWalkingTour in Cusco trafen. Die beiden sind mit Unterbrechungen seit 1.5 Jahren unterwegs und übernachteten dabei fast immer bei Couchsurfern. Ihre spannenden Erfahrungen und ein Abend mit ihrer Gastgeberin in Cusco haben uns überzeugt, Couchsurfing auch in Südamerika mal auszuprobieren. Praktischerweise kann man mit der entsprechenden App heute nicht nur eine kostenlose Übernachtungsmöglichkeit, sondern auch einfach jemanden für ein Abendessen, einen Spaziergang oder ein Feierabendbier finden. Und so treffen wir José erst auf einen Drink in der coolsten Rooftop-Bar Arequipas und gehen danach zu seinem Lieblings-Chinesen. Dabei erzählt er uns viel Interessantes über seine Arbeit als Architekt und sein Austauschjahr in Barcelona. Ein tolles erstes Latino-Couchsurfing-Erlebnis und sicher nicht das Letzte!

 

Dschungel-Trek & Machu Picchu – unterwegs mit der Hollandhelvetia-Band

  • Unser Inka-Dschungel-Abenteuer startet morgens um sechs mit einer vierstündigen Fahrt ins heilige Tal der Inka nördlich von Cusco. Wobei die Fahrt eigentlich erst um halb acht so richtig losgeht. Die eineinhalb Stunden vorher verbringen wir mit dem Aufladen unserer «Mountainbikes» (mehr zu den Anführungs- und Schlusszeichen später) und dem Auflesen unserer Tour-Gspändli. Zu vierzehnt geht es schliesslich entlang des Urubamba-Flusses nach Ollantaytambo und in engen Serpentinen hoch auf den Abra Malaga Pass. Unterwegs wird schnell klar, dass sich hier ein spassiger Trupp zusammengefunden hat. Zwei Holländer und drei Schweizer Anfang zwanzig kennen sich bereits von bierseligen Abenden in ihrem Hostel und geben bald lateinamerikanische Schnulzen zum Besten. Die vier etwas älteren Päärchen – ja dazu zählen auch wir – üben sich erst im typischen Traveller-Small-Talk bevor die eigenen Bierstories erzählt werden.

Auf 4000 Meter Höhe, nur knapp unter den schneebedeckten Bergen, heisst es dann Aussteigen. Hier beginnt unsere Down-Hill-Biking-Tour. Bevor die Gümmelete los geht, muss aber erst die ganze Schutzbekleidung montiert werden: Knie- und Ellbogenschoner, Rückenpanzer, Handschuhe und schaurig stinkiger Vollschalenhelm. Angesichts des Zustands unserer fahrbaren Untersätze – vor zwanzig Jahren verdienten die Dinger vielleicht mal den Namen Mountainbike – ist die ganze Ausrüstung auch bitter nötig. In Vollmontur düsen wir dann auf der geteerten Passstrasse den Berg hinunter. Immer mal wieder kommt uns ein PKW, Lastwagen oder Moto-Taxi (Tuk-Tuk-mässige Gefährtschaften) entgegen, die zur Freude der eigenen Herzfrequenz immer genau dann hupen, wenn sie an einem vorbeirauschen. Zu sehen wie sich die Vegetation auf unserer Abfahrt von vier- auf eintausend MüM verändert, ist aber super eindrücklich. Während wir im Fahrtwind zwischen den spärlich bewachsenen Felsen erst noch etwas schlottern, wird die Luft schnell wärmer und die Landschaft um uns herum fruchtbarer. Bald hängen sattgrüne Äste, Palmwedel und farbenfrohe Blumen über die Fahrbahn und wir entledigen uns der ersten Kleiderschicht. Gefühlte tausend Kurven und einige spritzige Bachbeetüberquerungen später ist der Fahrradplausch zu Ende. Lediglich ein Unfallopfer ist zu beklagen und die ungeübte Fahrradfahrerin mit blutiger Lippe hat sich anscheinend selbst zu Fall gebracht.

Weiter geht’s noch am selben Nachmittag mit River-Rafting. Nach einem kurzen Mittagsstopp fahren wir zu unserem Hostel in Santa Maria, wo wir einchecken und dann gleich von unseren Kapitänen abgeholt werden. Eine halbe Stunde flussabwärts steigen wir in die fünf Gummiboote, die im kühlen Wasser des Urubamba bereitstehen. Mike und ich erwischen eine mehrheitlich israelische Crew, deren Mitglieder die Ruder-Instruktionen zu Beginn leider nicht alle verstehen. Das merken wir zu dem Zeitpunkt jedoch noch nicht und stechen freudig in Fluss. Kaum angestochen bedankt sich dieser mit einer ersten Stromschnelle die uns alle kräftig befeuchtet. Überrascht vom kalten Nass schnappen wir nach Luft, doch fürs Verschnaufen bleibt keine Zeit. «Forward, one, two, one, two”- ruft unser Kapitän und wir Paddeln was das Zeug hält. Dumm nur, dass wir dabei nicht alle in die gleiche Richtung rudern, geschweige denn gleichmässig. Und so hat die nächste Stromschnelle ein Leichtes unseren Feuchtigkeitsgrad noch etwas zu erhöhen. Triefend trillert unser Käpitän auf seiner Pfeife um unsere Aufmerksamkeit. «Muy mal» (sehr schlecht), lautet sein Urteil. «You have to row together. Again. Forward», weisst er uns an und deutet nach vorne. Zwar stimmt jetzt die Richtung, aber der Asynchronität tut das keinen Abbruch und als wir beim nächsten Felsen im Fluss «backwards» rudern sollen ist die Verwirrung komplett. Die anderen Ruderer paddeln grinsend an uns vorbei, während wir im ruhigeren Wasser an der interkulturellen Kompetenz unserer Crew arbeiten. «Forward, Kadima. Backwards, Leachor», erklärt einer der Israelis seiner Mannschaft gestikulierend. Und so rufen wir bei der nächsten Stromschnelle alle im Chor «Kadimaaa, one, two, one, two» und ernten für unseren Effort prompt ein «Mejor» (besser) von unserem Käptn. Ab da ist der wilde Ritt auf dem Urubamba eine wahre Freude und wir holen sogar einige der anderen Gummibööter wieder ein. Klatschnass stehen wir nach dem rund einstündigen Waschgang schliesslich am Flussufer und beglückwünschen uns gegenseitig lachend zu unserem Überleben.

Zurück in Santa Maria haben wir vor dem Abendessen noch kurz Zeit zum Trocknen und Ausruhen. Von unserem Power-Nap weckt uns das komischste Geräusch, das ich je gehört habe. Eine Art Gluckern, aber höher und lauter. Abrupt fängt es an und hört ebenso wieder auf. Wir gehen nach draussen und Treffen auf ein Trio Truthähne, die versuchen, eine Truthenne zu beeindrucken. Das Bild dazu macht das Ganze nur noch lustiger, denn bei jeder Glucker-Attacke strecken die Hähne ihre Hälse nach vorne und wabbeln dabei den komischen roten Hautfetzen, der daran hängt. Wer das noch nie gesehen oder gehört hat, dem kann ich eine Weiterbildung auf Youtube nur wärmstens empfehlen.

  • Angesichts der Tatsache, dass ich für die Erzählung nur eines Tages bereits mehr als eine A4-Seite gebraucht habe, kürze ich den Rest des Dschungel-Abenteuers etwas ab: Am zweiten Tag wartet eine 8-stündige Wanderung entlang dem Inka-Strassennetz von Santa Maria nach Santa Teresa auf uns. Und oh Wunder: sie macht sogar uns Wandermuffeln Spass. Dazu trägt sicher auch der Backstreet-Boy-Soundtrack bei, den die Holland-Helvetia-Band freundlicherweise produziert, sowie das Wasserglace und die exotischen Früchte aus dem Dschungel-Kiosk. Ebenfalls sehr erhebend für den verschwitzt-verbrauchten Wander-Esprit ist der Schlangen-Schnaps und der selbstgemahlene Kaffee, den wir auf halben Weg von ein paar einheimischen Frauen erhalten, die in ihrer Küche sowohl Meerschweinchen halten als auch zubereiten. Die steilen und engen Treppen des Inka-Pfads, der sich dem Abgrund entlang schlängelt sowie die prekären Brückenbaukünste aus der Neuzeit, stellen derweil sicher, dass es dem Wanderer unterwegs nicht langweilig wird. Der Gipfel der Abenteuerlichkeit ist dann die Flussüberquerung ganz ohne Brücke dafür mit antikem Seilbähnli kurz vor dem absoluten Höhepunkt des Wandertags: den Thermalbädern von Santa Teresa. Lasset euch gesagt sein: nie badet es sich so gut, wie wenn man am selben Tag sein T-Shirt siebenmal durchgeschwitzt und seine Schafswolle dreimal in einen Brunnen getunkt hat!
  • Tag drei ist Mike-Tag. Der tollste aller Travel-Buddies feiert Geburtstag! Schon zum Frühstück erhält er ein Ständchen der übel-verkaterten Holland-Helvetia-Band, die ihre Tanzkünste noch bis in die frühen Morgenstunden an den Stangen der Clubs von Santa Teresa vorführten. Das Frühstück bei sich zu behalten, dürfte einigen von ihnen danach nicht leicht gefallen sein. Ziplining über der Schlucht des Urubamba-Flusses ist angesagt. In 150 Metern Höhe fliegen wir von einer Talseite zur anderen und wieder zurück. Schwindelerregt klettern wir danach noch über eine Hängebrücke der Machart Peru-Neuzeit – diesmal wurde die Hälfte der Latten aber wohl absichtlich weggelassen und wir sind gut gesichert. Eine Busfahrt später, sind wir in Hydroelectrica. Wie der Name schon verrät steht hier ein riesiges Wasserkraftwerk und zwar das grösste in Peru. Neben den Maschinenhäuschen im Tal befindet sich ein klitzekleiner Bahnhof von wo aus Züge nach Aguas Calientes, dem Ausgangspunkt für den Aufstieg nach Machu Picchu, fahren. Diese Fahrt ist in unserer Tour jedoch nicht inklusive und so wandern wir noch einmal drei Stunden entlang der Geleise durch den Dschungel. Zur Krönung seines Tages erhält Mike nach dem Abendessen Mike noch ein enormöses Stück Schockoladenkuchen inklusive Kerzlein, das der Frontmann der Holland-Helvetia-Band aufgetrieben hat. Früh geht es danach ins Bett, denn früh geht es am anderen Morgen weiter.
  • Um halb vier Uhr morgens klingelt der Wecker. Im Halbschlaf wandeln wir zur Bushaltestelle und sind tatsächlich fast die Ersten, die sich hier einfinden. In den nächsten eineinhalb Stunden bis zur ersten Fahrt nach Machu Picchu wächst die Schlange hinter uns soweit an, dass wir das Ende bald nicht mehr sehen. Alternativ zur Warterei könnte man den Aufstieg in die 400 Meter höher gelegene Inka-Stätte auch zu Fuss in Angriff nehmen. Dafür schmerzen meine Füsse und Kniekehlen von den zwei vorherigen Wandertagen aber zu stark. Die Anfangzwanziger unserer Gruppe scheinen solche Probleme noch nicht zu kennen. Punkt fünf Uhr stehen sie an der Fussgängerbrücke über den Urubamba, an deren anderem Ende die endlose Treppe beginnt, die nach Machu Picchu führt. Mateo, Sporty-Spice der Holland-Helvetia-Band und ehemaliger Profi-Fussballer, schafft den Aufstieg, für den Normalsterbliche sicher eine Stunde brauchen in unglaublichen 32 Minuten. Stolz schwitzend treffen wir ihn und die Anderen am Parkeingang als wir aus dem ersten Bus aussteigen. Tatsächlich sind wir unter den ersten Besuchern, die an diesem Morgen um 6:30 Uhr die Ruinenanlage betreten dürfen. Den Stress hätten wir uns aber sparen können. Fifty shades of grey ist alles was wir von dem weltberühmten UNESCO-Kulturerbe sehen. Der dichte Nebel lässt uns nur gerade ein paar Meter über unsere Nasenspitzen hinaussehen. Immerhin hat unser Tourguide Evers ein dickes Buch voller wunderschöner Fotos dabei, die uns zeigen, was wir hier jetzt alles sehen könnten. Aber ganz so schlimm bleibt es nicht. Während wir unser mitgebrachtes Frühstück verzehren und Evers Erzählungen über den Möchtegern-Machu-Picchu-Wiederentdecker Hiram Bingham lauschen, drücken die ersten Sonnenstrahlen durch das Nebelmeer. Bald können wir einen Grossteil der Zitadelle sehen, über deren Sinn und Zweck heute noch gerätselt wird. Es wird angenommen, dass die Inka-Festung um 1450 unter Pachacútec Yupanqui erbaut wurde, der das Inka-Reich durch weitläufige Eroberungen und Infrastrukturprojekte zu einer Grossmacht entwickelte. Höchst wahrscheinlich diente die Stätte danach als Rückzugsort der Inka-Könige, welche normalerweise in Cusco residierten. Nachdem sich Evers von uns verabschiedet, erkunden wir die Stadt auf eigene Faust. Der «leichte Spaziergang» zur Sonnenpforte, die er uns empfahl entpuppt sich dabei zu einem stündigen Aufstieg vorbei an Lamas uns mystischen Felsstrukturen, an dessen Ende wir wieder einmal nassgeschwitzt sind. Aber immerhin können wir von hier oben fast alleine. In den engen Strässchen zwischen den Ruinen der Wohnhäuser ist das unmöglich. Täglich besuchen rund 2500 Personen die antiken Ruinen und ihre Füsse nutzen die Stätte stark ab, die nur für etwa 1000 Bewohner gebaut wurde. Die UNESCO drohte Peru mit dem Entzug des Kulturerbe-Zertifikats, sollte der Staat die Besucherzahlen nicht limitieren. 2017 wurde deshalb die heutige Limite von 2500 Tickets pro Tag eingeführt, wobei ein Ticket nur noch für den Vor- oder Nachmittag gilt. Der Regen, der bei unserem Gang durch die Ruinen einsetzt, vertreibt einige der Touristen, aber auch wir selbst finden es in unseren verschwitzen Klamotten unter dem knallroten Regenponcho bald nur noch mässig gemütlich und machen uns gegen Mittag auf zum Ausgang. Der Rückweg im Mini-Van nach Cusco zieht sich dann ziemlich in die Länge. Um zehn Uhr abends fallen wir todmüde in unser Hostelbett.
  • Das mit dem Kurzfassen hat ja prima geklappt …