San Ignacio Miní

  • Die Ruinen der Jesuitenreduktionen in San Ignacio Miní wirken auf mich wie eine westliche Mini-Version der verfallenen Tempel von Angkor Wat im Dschungel Kambodschas. Auch hier überwuchert tropische Fauna architektonische und kunsthandwerkliche Meisterwerke. Bloss wirkt diese Kultur viel vertrauter. Der Kunst- und Architekturstil hat dann auch einen halbwegs bekannten Namen: Guaraní-Barock. Erfunden wurde der Stil von den hiesigen Ureinwohnern, den Guaraní, welche unter der Anleitung europäischer Jesuiten im 17. Jahrhundert Dörfer für bis zu 3000 Einwohner erbauten. In diesen Dörfern wohnten und arbeiteten sie gemeinsam mit den katholischen Mönchen, die sie vor den marodierenden Sklavenjägern in der Gegend beschützten. Die Dörfer waren ökonomisch so erfolgreich, dass die spanische Krone die Jesuiten schliesslich aus Südamerika verbannte. Die sogenannten Reduktionen wurden daraufhin auch von den Guaraní verlassen und in den folgenden Kriegen fast gänzlich zerstört.
  • Die Auswirkungen der Inflation nehmen abstruse Züge an. Unseren 16’000 Pesos-teuren Trip (ca. 440 CHF) in den Nationalpark Esteros del Iberá müssen wir bar bezahlen. Dafür pilgern wir an zwei Tagen zum Bankomaten, vor dem sich jedes Mal eine lange Schlange bildet. Wir heben insgesamt sieben Mal Geld ab, bis wir das nötige Kleingeld beisammen haben.

Salto

  • Im sehr komfortablen Reisecar fahren wir in 6 Stunden von Montevideo nach Salto. Die vorbeiziehende Landschaft ist durchwegs flach und grün, hin und wieder gesprenkelt von Kuh- oder Schafflecken in der Ferne.
  • Eine abenteuerliche 40minütige Taxifahrt bringt uns danach von Salto in die Uruguayanische Pampa für ein tête-à-tête mit den Kuh- und Schafflecken.
  • Auf der Estancia Termal San Nicanor (eine Art Ranch mit Thermalbad) werden wir am späten Abend durch die rund 20-köpfige Pfauen-Alarmanlage lautstark willkommen geheissen.
  • Anderntags dürfen wir feststellen, dass die Alarmanlage morgens auch als kollektiver Wecker fungiert. Zum Glück können wir im Thermalpool der Estancia noch etwas weiterdösen.
  • In Begleitung von Mike’s neuen besten Freunden – den zwei Streunern der Estancia – spazieren wir um den nahegelegenen Regenwasserteich, wo wir den Rest der Thermalbadanlage entdecken – dummerweise liegt das Badezeug da schon auf dem Zimmer zum Trocknen. Der Spaziergang wird deshalb tags darauf wiederholt.
  • Beim Abendessen auf den Estancia versichert uns ein argentinisches Mutter-Tochter-Gespann, dass es sich bei der Gegend, um den energiereichsten Ort in Argentinien handelt. Ufos, der heilige Pius, die Muttergottes höchst persönlich sowie ominöse Lichtwesen würden diesen Ort frequentieren. Tatsächlich hat sich um den nahegelegenen Ort La Aurora eine Art katholischer-Hippie-Alien-Kult entwickelt. Leider reicht die Zeit nicht, um Pius persönlich zu grüssen.
  • Eine abenteuerliche Van-Fahrt bringt uns zwei Tage später zurück in die pfauen- und alienlose Zivilisation. Etwas mysteriös mutet die Weiterreise ab Concordia in Argentinien trotzdem an: per Zufall finden wir heraus, dass der Reisecar uns nicht am Busterminal, sondern direkt an der Autobahn auflesen wird. Wir fahren also nachts um halb eins per Taxi zur Autobahn. Zum Glück steht da ein Container der lokalen Polizei, die hier die Kantonsgrenze kontrolliert. Die netten Polizisten, die hier gerade Dienst haben, bringen uns sogar zwei Stühle raus. So sitzen wir noch eine Stunde auf zwei Bürostühlen am Rand der Autobahn und beobachten wie riesige Sattelschlepper an uns vorbeidonnern, bis unser Car um halb zwei Uhr morgens neben dem Polizeicontainer hält und uns auflädt.

Tigre, Colonia del Sacramento & Montevideo

Souvenirs:

  • Auf der Zugfahrt mit dem Tren de la Costa von Retiro nach Tigre zeigen sich die sozialen Unterschiede an den Wohnhäusern entlang der Geleise: nahe Retiro dominieren Wellblech- und Backsteinquader, näher an Tigre moderne und luxuriös ausgestattete Mehrfamilienhäuser.
  • Per Touri-Schiff auf dem braunen Rio Paraná erkunden wir das Tigre Delta, das wie eine Luxusvariante des Amazonas anmutet. In der mystischen Dschungel- und Sumpflandschaf verbringen wohlhabende Porteños ihre Wochenenden in schmucken Ferienhäuschen mit privater Anlegestelle. Aber auch viele Einheimische wohnen auf den kleinen Inseln, die nur per Boot zu erreichen sind. Gerne hätte ich das Innere des Deltas noch genauer erkundet. Leider hatten wir dafür zu lange ausgeschlafen.
  • Auf der pompösen Fähre mit onboard Duty-Free-Shops gehts in knapp zwei Stunden von Buenos Aires nach Colonia del Sacramento. Das fast schon kitschige Kolonialstädtchen wirkt entlang des alten Hafens wie ein englisches Fischerdorf und auf seinen sonnigen Plätzen wie ein verschlafenes Städtchen in der Toscana. Und das Beste:  Es gibt hier Sandstrände! Mit Sand unter den Füssen fühlt es sich an, als hätten die grossen Ferien nun richtig begonnen.
  • Nach einem typisch Uruguayanischen Asadito im Hostel El Viajero riechen wir selbst für die nächsten Tage wie geräuchertes Rindfleisch (Waschen ist erst in Montevideo angesagt, frische Pullis aber bereits Mangelware).
  • Psychologin und Menschenrechtsaktivistin Elaine aus dem nordbrasilianischen Staat Pernambuco führt uns nach dem Grillplausch in den rituellen Gebrauch von Rapé ein. Der brasilianische Schnupftabak wird über ein Bambusstäbchen vom Mund in die Nase geblasen und soll den Geist reinigen und die Konzentration fördern. Bei mir fördert er vor allem eine Niessattacke und ein kurzzeitiges Tabakhigh zu Tage.
  • Zwei weitere Reisende, Felix und seine Kollegin mit kompliziertemdaherleidernichtgemerktem Namen aus Rio de Janeiro, empören sich über die Präsidentschaftswahl in Brasilien. Beide sind Teil der LGBTQI-Community und fürchten noch mehr diskriminiert zu werden, sollte der rechtsextreme Bolsonaro Ende Oktober zum Präsidenten gewählt werden. Hier in Uruguay fühlen sie sich aber sehr wohl, sagen sie. Gleichgeschlechtliche Ehen sind hier seit 2013 legal.
  • Auf unserer Free Walking-Tour mit Rodrigo in Montevideo lernen wir, dass in Uruguay seit 2012 auch Abtreibungen und seit 2013 der Besitz von bis zu sechs Hanfpflanzen pro Haushalt sowie der Verkauf von Cannabis an registrierte Klienten (ohne medizinischen Hintergrund) erlaubt sind.
  • Während der exklusiven Führung durch das impossante Teatro Solis erzählt uns Valerie, dass für die 1500 Plätze in der sechsstündigen Eröffnungsoper anno 1856 rund 3000 Leute den ganzen Tag auf der Plaza de Independencia anstanden.
  • Gleich um die Ecke von unserem Hostel kann ich live-zusehen, wie Grafitti-Künstler ein neues Werk kreieren. Zu viert brauchen sie für das riesige Sujet, welches die Bedrohung der Umwelt durch Verstädterung und rücksichtslosen Konsum darstellt, lediglich einen Tag.
  • An unserem ersten Tag in Montevideo ist es grausige 14 Grad kalt. Unser Zimmer im wunderschön historischen dafür aber auch wunderbar winddurchlässigen Ukulele-Hostel ist ein Gefrierabteil mit Bett. Die warmen Pullis sind in der Wäsche. Tee sei Dank erstarren wir über Nacht nicht zu Eiszapfen.

Kulturelle Einsichten:

  • Mate-Trinken ist in Uruguay schon fast eine Religion. Jeder zweite Passant in Montevideo hat eine Thermoskanne unter den Arm geklemmt und einen Mate-Becher in der Hand, den er oft sogar im Gehen nachfüllt.
  • WC-Papier gehört in Uruguay wieder in den Abfalleimer – anscheinend ist Buenos Aires die Ausnahme zu dieser Regel in Südamerika. Hier übrigens eine gute Anleitung zu den WC-Bräuchen weltweit.
  • Das Strassenmagazin Hecho en Bs. As. informiert in längeren Reportagen und Interviews über Aktuelles aus Kultur, Gesellschaft und Kunst aus Buenos Aires.
  • In Argentinien, Uruguay, Chile und Paraguay gibt es ein sehr modernes Magazin über Nachhaltigkeit und entsprechende Trends: Ecomanía
  • Es gibt tolle Spanische Podcasts aus Südamerika: Die spannenden Reportagen von Las Raras Podcast und Radio Ambulante kann ich für lange Reisen in diesen Gefilden wärmstens empfehlen.

Next stop:

  • Thermalquellen von Salto
  • Ruinen der Jesuitenmission in San Ignacio Miní
  • Wasserfälle von Iguazú


Deprecated: Function get_magic_quotes_gpc() is deprecated in /var/www/vhosts/nathalierutz.ch/httpdocs/wp-includes/formatting.php on line 4796