Santiago de Chile

  • Am ersten Tag in Santiago steht mal wieder eine Stadtführung auf dem Plan. Tips4Tours heisst das Konzept in Chile, das es in ähnlicher Form fast jeder Touristenstadt gibt. Jeden Tag zu einer bestimmten Zeit kann man sich an einem bestimmten Ort einer Tour anschliessen, die meist von jungen Leuten geführt wird, welche für Trinkgeld arbeiten (wobei es Usanz ist, ihnen nach Möglichkeit einen anständigen Bazen zu hinterlassen). Solche Free Walks gibt’s übrigens auch in Zürich … In Santiago erklärt uns unser Guide Sebastian die tragische Geschichte Chiles anhand historischer Bauten wie dem Regierungspalast, der beim Militärputsch gegen den sozialistischen Präsident Salvador Allende 1973 zerbombt wurde oder dem modernen Kulturzentrum GAM, welches unter der Militärdiktatur als Operationszentrum diente und heute wieder Theater und Kunst beherbergt. Noch immer sind die Narben der 17-jährigen Militärdiktatur in diesem Land nicht verheilt. Davon zeugen die unzähligen Fähnchen mit Fotos der sogenannten «Desaparecidos» vor dem Regierungspalast und der Aufruf «contra el olvido» (zu deutsch: gegen das Vergessen) der von mancher Strassenwand prangt. Der Strippenzieher hinter dem Verschwinden von tausenden linksgerichteter Jugendlicher, Aktivisten und Intellektuellen – Augusto Pinochet – wurde bekanntlich nie für seine Gräueltaten bestraft. Viele seiner Mittäter leben noch heute Tür an Tür mit den Hinterbliebenen der Opfer.
  • Es ist nicht die erste Tour, bei der wir von willkürlicher Militärdiktatur, «desaparecidos», Folter und Straffreiheit vieler Verantwortlicher hören. Bereits in Buenos Aires und Montevideo sind uns ähnliche Geschichten begegnet. Wie diese Tabelle zeigt, wurden fast alle Südamerikanischen Länder zwischen 1950 und 1990 für längere Zeit von rechtsgerichteten Militärdiktaturen beherrscht. Erklären lässt sich dies durch den Kalten Krieg, welcher damals in vielen Ländern zu einem verstärkten Sicherheitsbedürfnis und einem Aufschwung der Militärs führte. Diese wurden in ihren Aktionen gegen sozialistische oder kommunistische Kreise nicht selten durch den Hauptakteur des damaligen Anti-Kommunismus – die USA – aktiv oder passiv unterstützt. Was mich an dieser Tabelle am meisten gruselt, ist die Tatsache, dass die dunkelschwarzen Balken alle verdammt wenig lange zurück liegen. Viele der einheimischen Jungen, die wir hier treffen, betonen auch, dass sie die erste Generation sind, die in einer Demokratie aufwächst. Unser Tourguide Santiago in Buenos Aires etwa erzählte, dass seine Mutter immer ängstlich war, wenn er ins Kino ging, weil die Militärdiktatur dort früher oft Razzias durchführte und die Abgeführten nie wieder auftauchten. Unvorstellbar, wie es sich anfühlen muss in einem Land zu leben, in dem man Polizisten, Militärs, Richtern, Politikern und anderen Staatsvertretern nicht nur nicht vertraut (was aufgrund der Korruption heute vielerorts noch der Fall ist) sondern ihnen gegenüber gar Todesangst hat.
  • Um uns von den Gräueln der jüngsten chilenischen Vergangenheit abzulenken, schliessen wir uns nach der Führung einer Gruppe Touris an, die dem chilenische Nationalgetränk Pisco Sour auf die Spur kommen wollen. Es folgt ein feuchtfröhlicher Abend in bester Gesellschaft und ein paar tolle Bekanntschaften, die uns auf unserer Reise noch eine Weile begleiten sollten.
  • Mit Joe (Chicago), Emma (Malmö), Andrew (Vancouver), Saskia (Hamburg) und Chad (Edmonton) von der Pisco-Crew machen wir uns anderntags an die Erstbesteigung des Cerro San Cristobál ohne Sauerstoff. Die knapp 880 Höhenmeter schaffen auch die zwei Extremspazierer aus der Schweiz im ersten Anlauf. Ein Smoothie und eine Seilbahnfahrt später, sind wir ein bisschen Schweiz-nostalgisch aber auch gestärkt für den nächsten Höhepunkt: die Bezwingung des Gran Torre Santiago – dem höchsten Gebäude Südamerikas. Die 62 Stockwerke schaffen wir in rekordverdächtigen 2.5 Minuten – Lift sei dank. Unsere Anstrengungen werden mit einer grossartigen Aussicht belohnt. Aus der Vogelperspektive wird die Grösse der 7-Millionen-Einwohner-Stadt erst richtig fassbar. Wir fühlen und so klein, dass wir zur Kompensation einen grossen Zmittag und später am Abend einen noch grösseren Znacht brauchen.
  • An unserem letzten Tag in Santiago besuchen wir eines der drei chilenischen Häuser von Neftalí Ricardo Reyes Basoalto, besser bekannt unter seinem Künstlernamen Pablo Neruda. Sein Haus in Santiago liess der Literaturnobelpreisträger 1953 für seine damalige Geliebte und spätere dritte Ehefrau Matilde Urrutia Ihr verdankt das Haus auch seinen Namen: La Chascona was auf Deutsch etwa mit Wuschelkopf zu übersetzen wäre. Die Räume weisen alle einen ganz eigenen Stil auf und sind mit wertvollen Antiquitäten und Kunstobjekten des vielgereisten Dichters bestückt. Das Esszimmer ist einer Kapitänskabine nachempfunden, der Salon einer französischen Bibliothek und der einladende Innenhof ist mit einer exotischen Strandbar versehen. Wirklich sehenswert.
  • Die Tage in Santiago verbringen wir grösstenteils mit einem Teil der Pisco-Crew. Dabei ertappe ich mich immer wieder, wie ich mit grossartigen Schweizer Erfindungen wie Zweifel-Paprika-Chips, der direkten Demokratie, Hornussen, Grundversicherungen, dem Stewi, einem günstige Bildungssystem und anderen Bünzligkeiten blöffe. Zu Hause sind diese Dinge für uns so selbstverständlich, dass wir oft vergessen wie toll sie sind (abgesehen von den Zweifel-Paprika-Chips versteht sich). Die töllste Erfindung eveeer kommt aber nicht aus der Schweiz sondern ist ein Gemeinschaftswerk vieler Nationen: die Menschenrechte. Wer hat’s erfunden: wir alle. Wer hat’s unterschrieben: wir alle. Wer möchte nicht ohne sie leben: wir alle. Für uns Schweizer sind die Menschenrechte im Alltag noch selbstverständlicher als ein Stewi oder Zweifel-Paprika-Chips. Für einige sind sie anscheinend gar so selbstverständlich, dass sie es nicht mehr für nötig halten, sich klar dazu zu bekennen und mit dem Gedanken spielen ihre rechtliche Grundlage, die Europäische Menschenrechtskonvention zu kündigen. Nur schon das Gedankenspiel finde ich brandgefährlich, wenn ich sehe, wie in vielen Südamerikanischen Ländern Menschenrechte noch bis vor Kurzem mit Füssen getreten wurden. Wenn für euch Menschenrechte auch in Zukunft gleich selbstverständlich sein sollen wie Stewis und Zweifel-Paprika-Chips, dann stimmt doch bitte noch vor dem 25. November Nein zur Selbstbestimmungsinitiative.