Cali und eine Ode an den Urs

  • Zum ersten Mal feiern wir Weihnachten weg von zu Hause, in der tropischen Wärme von Cali im Süden von Kolumbien: Mit Plastikbaum und Salsa anstatt mit Nordmannstanne und Weihnachtsliedern. Mit Rum anstatt Glühwein und Thaicurry anstatt Fondue Chinois. Aber trotzdem nicht ganz ohne Familie und auch nicht ohne Weihnachtsguetzli. Für etwas mehr als zwei Wochen kommen wir bei Mike’s Cousin Urs unter und verwandeln sein sympatisches Häuschen im Viertel Aguacatal kurzerhand in eine Mailänderlibackstube. Gemeinsam mit unserer Lieblingsschwedin Emma – die wir hier noch ein letztes Mal treffen, bevor sie den Heimweg antritt – backen wir, bis uns der Teig zu den Ohren raushängt. Auch unseren Schweizer Reisekumpan Tobias dürfen wir zu Urs nach Hause einladen und bereiten zusammen mit ihm das etwas untypische Weihnachtsmenü vor. Und so kommt es, dass wir alle gemeinsam mit Urs, seinem Sohn Mateo, seiner Mutter Anna und ihrer Familie sowie Nachbarn und Freunden ein kolumbohelvetisches Weihnachten feiern, wo man sich zwischen Salsaeinlagen mit Mailänderli stärkt und Thaicurry mit Rum runterspült.
  • Urs ist nicht nur unser grosszügiger Asylgewährer und abenteuerlicher Jeepchauffeur, sondern auch unser LandundLeute-Jackpot. Er wohnt bereits seit über 20 Jahren in der Geburtsstadt des Salsa und führte bis vor drei Jahren das erste Hostel in Calí – die Iguana. Heute arbeitet er als Tourguide und führt Touristen aus aller Welt zu den geheimnisvollen Steinstatuen nach San Augustín, den beeindruckenden Wachspalmen in Salento und den umliegenden Rumdestillerien, Kaffee- und Kakaoplantagen. Egal wo in Calí wir mit ihm hingehen, immer treffen wir Freunde und Bekannte. Dank ihm lernen wir jede Menge passionierte Caleños, Europäische Winterflüchtlinge und kolumbianische Lebenskünstler kennen und erleben einzigartige Abenteuer. Gemeinsam mit Pilar und Felipe, die sich in der Iguana kennengelernt haben, stehen wir drei Stunden Schlange für ein Konzert an der berühmten Feria de Cali (heuer im Zeichen der Gewalt gegen Frauen, hier das offizielle Video zur diesjährigen Feria-Hymne), das wir schlussendlich doch nicht besuchen. Mit der ehemaligen Iguana-Crew lernen wir Salsa im ohrenbetäubenden und hüfteschwingenden Club von Don Hebert. Mit Nachbarin Milly staunen wir ob der exotischen Klänge und der ausgeflippten Weihnachtsbeleuchtung am Pazifikfest der Feria. Mit Claudia und Ralf besuchen wir die Kombucha-Künstler Flora und Andreas und geniessen ein einmaliges Fondue im Nebelwald über Calí. Mit den Nachbarn Milly, ihrer Tochter Laura, Igor und seiner Familie schauen wir zu, wie das año viejo (das alte Jahr) explodiert und feiern und philosophieren bis morgens um fünf ins neue Jahr hinein. Mit Mateo schauen wir Aquaman im Kino und veranstalten ein Pfützenwetthüpfen bei einer Kolibri-Farm im Dschungel. Und Urs ist immer mittendrin und voll dabei, für jeden Spass zu haben und der beste Gastgeber, den man sich wünschen könnte. Mil gracias Urs!

Sucre

  • Sucre ist nicht nur die sogenannt «schönste Stadt Boliviens» sondern auch ihre Hauptstadt. La Paz ist zwar seit 1899 Sitz der Legislative und Exekutive, Sucre beherbergt aber noch immer die Judikative und ist die konstitutionelle Hauptstadt des Landes. Am Hauptplatz von Sucre – der Plaza 25 de Mayo – befindet sich auch das Gebäude in dem 1825 die Unabhängigkeitserklärung Boliviens unterschrieben wurde: die Casa de la Libertad. Auf der tollen Führung durch den wunderschönen Kolonialpalast, der ursprünglich als Jesuitenkloster diente, erfährt man allerlei Spannendes und Kurioses aus der Geschichte des ärmsten Südamerikanischen Landes. So waren die Bolivianer 1809 zwar die Ersten, die sich im Zuge einer Rebellion gegen die spanischen Kolonialherren zur Wehr setzten, aber 1825 die Letzten die diese dank der Armee Simon Bolivars auch erlangten. Seinem Befreier zu Ehren wurde das Land damals Bolivar getauft und erst später in Bolivien umbenannt.
  • In Sucre wird uns zum ersten Mal bewusst, dass bei uns zu Hause der Winter begonnen hat. Als wir eines Abends über den gutbelebten Hauptplatz schlendern, kommt uns ein Pick-up mit leuchtendem Rentier-Wagen und Santa-Claus im Schlepptau entgegen. Eine Traube Eltern drängt vor den Wagen, um dem kitschigen Samichlaus ihre Kinder für ein Foto entgegenzustrecken. In den darauffolgenden Tagen entdecken wir immer mehr grässliche Plastikweihnachtsbäume in Shops und Cafés sowie grausig-blinkende Neonbeleuchtungen, welche die schönen Kolonialfassaden verschandeln. Unsere erste Weihnachtszeit fern der Heimat steht ins Haus, aber so richtig will das Weihnachtsfeeling noch nicht aufkommen. Dazu fehlt – zum Glück – der Schnee und die Kälte.
  • Ebenfalls auf dem Hauptplatz, aber weit weniger freudigfroh als der Weihnachtsmann, sind die gelbgewandeten Protestierenden, welche sich hier mit ihren selbstgemalten Bannern und Schildern in kleinen Pavillons eingerichtet haben. Sie protestieren gegen die Ankündigung Evo Morales, nächstes Jahr erneut für das Staatspräsidium zu kandidieren. Dies obwohl das Bolivianische Volk eine vierte Kandidatur des gegenwärtigen Präsidenten in einem Referendum 2016 mit 51.3% abgelehnt hatte. Eigentlich darf man in Bolivien sowieso maximal zwei aufeinanderfolgende Amtszeit als Präsident fungieren. Paradoxerweise ist Evo Morales derzeit aber schon in seiner dritten Amtszeit tätig. In seiner ersten, vielbeachteten Amtszeit von 2006-2010 liess er eine neue Verfassung verabschieden, welche unter anderem die Staatsform des Landes änderte. Daneben stärkte er als erster südamerikanischer Präsident mit indigenen Wurzeln die Rechte der Ureinwohner, führte ihre Flagge als offizielle zweite Flagge Boliviens ein, verstaatlichte viele Betriebe und vergrösserte so nebst dem Einkommen auch das Selbstsbewusstsein des bis anhin mausarmen Landes. Der so gewonnene Goodwill der Bevölkerung kam ihm bei seiner Kandidatur 2014 zu Gute, als er geltend machte, dass seine dritte Wahl zum Präsidenten nicht gesetzeswidrig sei, da er in seiner ersten Amtszeit ja Präsident der Republik Boliviens und nicht des Plurinationalen Staates Boliviens (wie das Land heute heisst) gewesen sei. Die erste Amtszeit könne man daher nicht mitzählen. Der Streich ging auf, er wurde erneut gewählt und liess als eine seiner ersten Amtshandlungen die Dauer der Präsidentschaft von vier auf fünf Jahren verlängern. 2019 schien seine Herrschaft nun aber endgültig zu einem Ende zu kommen. Doch dann kündigte er vor zwei Jahren eine weitere Kandidatur und ein entsprechendes Verfassungsreferendum an. Dass dieses abgelehnt wurde, ignoriert er nun gekonnt und hält weiter an seiner Kandidatur fest. Die Wahlen im nächsten Jahr dürften also spannend werden, denn zumindest in Sucre scheint der schlitzohrige Präsident nicht mehr auf viele Fans zählen zu können.